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Erinnerungen Helga S

Als meine Eltern mich ins Johanna-Helenen-Heim brachten, spĂŒrte ich schon auf dem Flur eine bedrĂŒckende AtmosphĂ€re. Ich klammerte mich an meinen Vater und weinte und schrie: "Hier will ich nicht bleiben, nehmt mich wieder mit!" Schweren Herzens versuchten sie mich zu trösten, daß hier viele Kinder sind, mit denen ich spielen könne (Ich konnte meine verstorbene Schwester nicht vergessen.) und endlich könne ich nun zur Schule gehen.

Einige Tage nach Schulbeginn sollten wir unsere Schiefertafeln zum Schreiben vor uns auf den Tisch legen. WÀhrend ich damit beschÀftigt war, kam Erika Severin zu mir und ohne ein Wort zu sagen, gab sie mir Ohrfeigen und setzte sich wieder schweigend auf ihren "Thron". Da meldete sich Ernst-Rudolf und fragte sie: "Tante Erika, warum haust du Helga? Sie war doch nicht unartig." Darauf sagte sie, ich hÀtte getrödelt.

Doch eines Tages verprĂŒgelte sie ein MĂ€dchen so sehr. Inge, so hieß das MĂ€dchen, krĂŒmmte sich vor Schmerzen auf dem Fußboden, wĂ€hrend Steiniger wahllos weiter mit ihrem Gehstock auf sie einschlug. Inge wehrte sich und zog an Steinigers Beinen und da lag auch sie auf dem Fußboden. Nun schlugen sie sich beide. Wir anderen hatten MĂŒhe, unser Lachen zu unterdrĂŒcken. Steiniger ließ schließlich von Inge ab und konnte sich allein wieder aufrichten und Inge schleppte sich auch wieder auf ihren Platz und der Unterricht ging weiter. Ausgerechnet nach diesem "Schauspiel" stellte Steiniger mir eine Frage. Die Antwort war falsch, weil ich noch ziemlich aufgeregt war. Auf meine falsche Antwort hörte ich dann Steinigers Stimme: "ZurĂŒck ins 3. Schuljahr!"

Helga S., 1949
1. Reihe, 3. von rechts

Meine Zeit im Johanna-Helenen-Heim von 1949 bis 1954

Ende September 1947 wurden wir aus unserer Heimat Pommern ausgewiesen und nach ThĂŒringen gebracht, wo wir aber nicht bleiben wollten, weil ThĂŒringen von Russen besetzt war. Doch wir 3 Kinder (Ich hatte noch 2 Schwestern) wurden unterwegs krank und meine beiden Schwestern, BĂ€rbel 7 und Gudrun 3 Jahre alt, mußten ins Krankenhaus. Gudrun wurde kurz vor Weihnachten wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Doch BĂ€rbel mußte noch dort bleiben. Wir erfuhren gerade noch rechtzeitig, daß mein Vater in ein Arbeitslager sollte, weil er keine Arbeit annahm. Darum sagte er dem Arzt im Krankenhaus, daß wir schnell von da weg mußten. Der Arzt riet meinen Eltern, daß sie sich erst mit Gudrun und mir in Sicherheit bringen und dann BĂ€rbel nachholen sollten. Am 3. Februar, meinem 10. Geburtstag zogen wir abends, als es dunkel war, auf vielen Umwegen schwarz ĂŒber die Grenze. Nach ca. 4 Wochen kamen wir endlich hier in Ostwestfalen bei unseren Verwandten an. Nach einen Tag Ruhepause zog mein Vater wieder los um BĂ€rbel zu holen. Wieder im Krankenhaus angekommen, erlebte er wohl das Schrecklichste in seinem Leben: BĂ€rbel hatte einen RĂŒckfall bekommen und war kurz vor seinen Eintreffen gestorben. Soweit meine kurzgefaßten Erlebnisse vor Volmarstein. Den Behörden entgeht ja nichts, so auch nicht meine Behinderung und daß ich schulpflichtig war, darum sollte ich nach Bethel. Meine Eltern brachten mich dort auch hin und ich wurde von einen Professor untersucht und auf meinem Geisteszustand geprĂŒft. Danach sagte er zu meinen Eltern: ihre Tochter gehört hier nicht hin. So wurde ich nach Volmarstein verwiesen. Es dauerte aber noch ein Jahr, bis ich im Johanna-Helenen-Heim aufgenommen wurde. Inzwischen war ich 11 Jahre alt und hatte noch keine Schule besucht. Als meine Eltern mich ins Johanna-Helenen-Heim brachten, spĂŒrte ich schon auf dem Flur eine bedrĂŒckende AtmosphĂ€re. Ich klammerte mich an meinen Vater und weinte und schrie: "Hier will ich nicht bleiben, nehmt mich wieder mit!" Schweren Herzens versuchten sie mich zu trösten, daß hier viele Kinder sind, mit denen ich spielen könne (Ich konnte meine verstorbene Schwester nicht vergessen.) und endlich könne ich nun zur Schule gehen. Seit meinem 6. Lebensjahr setzte ich meinen Eltern zu, daß ich in die Schule wollte. Der Bruder von meinem Vater war Lehrer. Er hatte mir schon vieles beigebracht. Wir waren mit dem Zug gekommen und meine Eltern mußten wieder zurĂŒck fahren. Beim Abschied flossen bei uns allen 3 die TrĂ€nen. Meine Eltern hatte noch die Hitlerzeit im GedĂ€chnis. Wie freuten sie sich, als sie erfuhren, daß sie mich in den Schulferien immer holen konnten. Als meine Eltern abgereist waren, brachte eine Schwester Erna, ihren Nachnamen weiß ich leider nicht, mich nach oben in den großen Schlafsaal mit 21 Betten. Auch das machte mir Angst. Sie sagte dann zu mir, ich solle aufhören zu heulen. Meine Eltern kĂ€men doch nicht wieder. Nach so einen Abschied lassen viele Eltern sich hier nicht wieder sehen. Da ich ja schon schreiben konnte, schrieb ich das meinen Eltern und gab den Brief spĂ€ter einer Frau aus Hagen mit, die ihre Tochter dort besuchte. Mein Vater stellte Schwester Erna, als er mich in den Sommerferien abholte, zur Rede. Damit hatte sie wohl nicht gerechnet, daß ich schon schreiben konnte. Erst stritt sie ab, doch dann verwickelte sie sich in WidersprĂŒchen. Auch nach meinen Spielsachen, die ich dort nie gesehen hatte, fragte mein Vater sie. Sie holte einige davon, doch alle waren nicht mehr da, und ich nahm sie mit nach Hause und ließ sie dort.

Als ich ins JHH kam, waren gerade Osterferien und viele Kinder waren dann bei ihren Angehörigen. Die ganzen Ferien war ich nur im Schlafsaal und im Bett. Eines Tages kam Erika Severin zu uns ins "Zimmer", sie wollte sehen, wieviele Neue gekommen waren und stellte sich als unsere Lehrerin vor. Mich fragte sie u. a., ob ich schon zur Schule gegangen war. Als ich verneinte, sagte sie, daß ich nach den Ferien zu ihr in die Klasse kĂ€me. Ostern besuchte mich eine Bekannte aus Bochum. Da sie mich im Bett vorfand, dachte sie erst, ich sei krank. Die anderen Kinder sagten ihr, daß wir die ganzen Ferien im Schlafsaal bleiben mußten. Darauf sagte sie: Das sind ja hier "schöne" ZustĂ€nde! Ihr kommt die ganzen Ferien nicht nach draußen?

Endlich waren die Ferien zu Ende und ich freute mich auf die Schule. Am 1. Tag wurden die Neuen auf ihr Können beschnuppert. Ich wurde neben den Neffen von Gertraude Steiniger, Ernst-Rudolf, gesetzt. Sein Vater war im Krieg gefallen und nun sollte Ernst-Rudolf bei seiner Tante streng erzogen werden, weil er spĂ€ter mal das Weingut in Bacharach/Rhein ĂŒbernehmen sollte. Ein netter Junge, der mir in der Schule oft zur Hand ging, z. B. wenn ich meinen Griffelkasten nicht schnell genug aufbekam, usw. Er wohnte bei seiner Tante "Traude" im Hexenhaus und durfte in seiner Freizeit nicht mit uns zusammen sein. Er war 1 Jahr bei uns. Einige Tage nach Schulbeginn sollten wir unsere Schiefertafeln zum Schreiben vor uns auf den Tisch legen. WĂ€hrend ich damit beschĂ€ftigt war, kam Erika Severin zu mir und ohne ein Wort zu sagen, gab sie mir Ohrfeigen und setzte sich wieder schweigend auf ihren "Thron". Da meldete sich Ernst-Rudolf und fragte sie: "Tante Erika, warum haust du Helga? Sie war doch nicht unartig." Darauf sagte sie, ich hĂ€tte getrödelt. Ernst-Rudolf sagte ihr dann, daß ich nicht so schnell könnte. Er wolle mir nun immer helfen, was er auch getan hat. So bekam ich Severins "Handschrift" zu spĂŒren. SpĂ€ter hat sie sich bei mir entschuldigt und hat mich die ganzen Jahre gut behandelt. Sie merkte auch, daß ich bei ihr im 1. Schuljahr unterfordert war. Darum sollte ich nach den Weihnachtsferien zu Gertraude Steiniger ins 2. Schuljahr. In ihrem Klassenraum war damals das zweite, dritte und vierte Schuljahr. Meine Eltern hofften, daß ich in Volmarstein auch Laufen lernen wĂŒrde. Weil aber in dieser Richtung nichts getan worden war, sprach mein Vater, als er mich nach dem Weihnachtsferien wieder zurĂŒck brachte, mit Dr. Alfred Katthagen und ich kam als "Versuchskanichen" in die Klinik. Was dort mit mir genau gemacht worden ist, weiß heute noch nicht. Zu meinem Vater sagte Katthagen damals, das von meinem linken Bein, das von dem Spasmus am stĂ€rksten betroffen war, die Muskeln gelockert werden sollten, um dort den Spasmus zu verringern. Es wurde von allen angenommen, daß das der Grund war, daß ich nicht laufen konnte. Aber der Grund dafĂŒr war, daß mein Gleichgewichtsnerv bei meiner Geburt beschĂ€digt worden war. So wurde ich Anfang Januar 1950 operiert und lag bis ungefĂ€hr Mitte April in Spreizgips. Diese ganze Zeit hatte ich wahnsinnige Schmerzen und hohes Fieber und aß kaum etwas, verlangte aber immer nach Trinken. Vor Schmerzen konnte ich nicht schlafen und habe nachts geschrieen und phantasiert. Auch soll ich nach meiner verstorbenen Schwester gerufen haben, daß sie kommen und mich holen solle. Denn die Nachtschwester fragte mich mal: "Wer ist BĂ€rbel und wo ist die?" Damit die anderen Kinder im Saal nachts schlafen konnten, wurde ich nachts ins Badezimmer geschoben. Da bekam ich auch noch eine ordentliche ErkĂ€ltung mit Verdacht auf LungenentzĂŒndung dazu. Meine Eltern wußten von dem nichts, denn ich war nicht fĂ€hig zu schreiben und mein Vater schrieb mir immer und immer wieder: "Wie geht es Dir?" Am 3. Februar, meinem Geburtstag, hatte er sich einen Tag Urlaub genommen um nach mir zu sehen. Leider konnte er nur ca. 2 Stunden bleiben, weil er den letzten Zug erreichen mußte, um am nĂ€chsten Tag wieder zur Arbeit zu kommen. Als er mich so elend sah, kamen ihm und auch mir die TrĂ€nen. Er sagte mehrmals: "Was haben sie hier nur mit dir gemacht?!" Den Katthagen konnte er nicht sprechen. Er war nicht da, oder ließ sich verleugnen. Erika Severin hat mich auch einige Male besucht. Sie erzĂ€hlte mir, daß Ernst-Rudolf gerne mitkommen wollte. Aber Kinder durften uns ja nicht besuchen. Endlich, im April wurde mir der Gips abgenommen. Dabei erlebten sie eine "schöne Überraschung". Meine linke Ferse hatte von dem Gips ein etwa 1 cm tiefes Loch, das schön entzĂŒndet war. Nun wußten sie die Ursache des hohen Fiebers. Und das Bein war viel stĂ€rker verkrampft als vorher und ich konnte es nicht grade machen. Nachts sollte ich noch einige Zeit in der Spreizgips-Schale liegen, damit das Bein sich strecken sollte. Abends wurde ich auch dareingewickelt. Doch die Nachtschwe­ster, die besonders nett zu mir war, erlöste mich immer davon. Als das Loch in der Ferse zugeheilt war, ich das Bein doch immer noch nicht strecken konnte, bekam ich Laufgips und damit kam ich Mitte Mai wieder ins JHH. Um den Laufgips kĂŒmmerte sich keiner. Ich bröckelte ihn nach und nach einfach ab. Und keiner merkte es oder sagte etwas dazu. Ich zog wieder meine Schuhe an, die ich vor der Operation getragen hatte. Das Bein konnte ich zwar immer noch nicht strecken. aber ich war schmerzfrei. Die Narbe von dem Loch in der Ferse schmerzt heute noch, wenn ich im Bett auf der Ferse liege. So vergesse ich nie den Spreizgips. Von Januar bis Mai mußte ich mit dem Schulunterricht aussetzen. Auch an dem Bettenunterricht in der Klinik konnte ich nicht teilnehmen. Im JHH konnte ich nach ca. viereinhalb Monaten bei Gertraude Steinniger ohne große Schwierigkeit im 2. Schuljahr mitmachen. Nur mit den Diktaten hatte ich Schwierigkeiten, weil ich nicht so schnell schreiben konnte und Steiniger da keine RĂŒcksicht nahm. Deshalb hatte ich in diesem Fach immer schlechte Noten. Meinen Eltern fiel das auf, weil sie von mir immer fast fehlerfreie Briefe bekamen und ich sagte ihnen den Grund, wĂ€hrend ich in den Ferien wieder mal zu Hause war. Mein Vater brachte mich dann erst einige Tage nach Schul­beginn wieder zurĂŒck, weil er die Steiniger mit Sicherheit antreffen wollte. Er hatte dann ein langes GesprĂ€cch mit ihr. Vor dem nĂ€chsten Diktat sagte sie mir dann, ich solle mir Zeit lassen und mich melden, wenn ich fertig sei, erst dann wolle sie weiter diktieren. Die Kinder in der Klasse waren sprachlos und fragten mich, ob mein Vater sie verhext hĂ€tte. Seitdem konnte ich persönlich nicht mehr ĂŒber die Steiniger klagen. Ja, sie bot mir sogar an, daß ich das 3. und 4. Schuljahr in einem Jahr machen sollte. Ich wollte das auch sehr gerne. Anfangst klappte es auch. Doch eines Tages verprĂŒgelte sie ein MĂ€dchen so sehr. Inge, so hieß das MĂ€dchen, krĂŒmmte sich vor Schmerzen auf dem Fußboden, wĂ€hrend Steiniger wahllos weiter mit ihrem Gehstock auf sie einschlug. Inge wehrte sich und zog an Steinigers Beinen und da lag auch sie auf dem Fußboden. Nun schlugen sie sich beide. Wir anderen hatten MĂŒhe, unser Lachen zu unterdrĂŒcken. Steiniger ließ schließlich von Inge ab und konnte sich allein wieder aufrichten und Inge schleppte sich auch wie­der auf ihren Platz und der Unterricht ging weiter. Ausgerechnet nach diesem "Schauspiel" stellte Steiniger mir eine Frage. Die Antwort war falsch, weil ich noch ziemlich aufgeregt war. Auf meine falsche Antwort hörte ich dann Steinigers Stimme: "ZurĂŒck ins 3. Schuljahr!" Auch wenn ich selbst von ihr in Ruhe gelassen wurde, zerrte das an meinen Nerven, wenn ich mit ansehen mußte, wie die anderen von ihr mißhandelt wurden. Wenn wir morgens in der Klasse auf sie warteten, fragten wir uns: Wie ist sie heute gelaunt, wem nimmt sie sich heute vor? Aber sie hatte auch mal gute Tage, z. B. ihren Geburtstag, den sie immer etwas mit uns feierte. Da schenkte sie jedem von uns eine Kleinigkeit: Jeder bekam einen Drehbleistift oder eine Nagelpfeile, auch bekam jeder von uns dann ein StĂŒck Kuchen. Einmal hatten wir fĂŒr sie eine kleine Schere ganz unten in einen großen Karton gelegt und einen Zettel zu der Schere, auf dem geschrieben stand: "Mit dieser Schere können sie das große Paket aufschneiden." Darauf legten wir lauter kleinen Kartons, die alle fest verschnĂŒrt und verklebt waren und wir paßten auf, daß sie die alle schön ohne Schere oder Messer öffnete. Als sie dann endlich die Schere mit dem Zettel sah, hat sie wirklich mal herzlich mit uns gelacht. Von all' den Kindern, mit denen ich im 1. Schuljahr zusammen war, wurde nur außer mir noch ein Junge, Alfred Schick, jedes Jahr ins nĂ€chste Schuljahr versetzt. Von Gertraude Steiniger wurde er immer etwas vorgezogen. Mit dem Auswendiglernen hatte sie es ja sehr, besonders in Religion. Wenn jemand auch nur einmal steckenblieb, mußte man gleich nachsitzen. Da Alfred in dem Fach im Zeugnis immer eine Note besser hatte wie ich, merkte ich mir ein halbes Jahr lang mal genau, wie oft Alfred und wie oft ich nachsitzen mußten. In diesem halben Jahr hat Alfred 2 Mal und ich gar nicht nachgesessen. Doch Alfred hatte im Zeugnis die Note "sehr gut" und ich die Note "gut". Ich fragte Steiniger nach dem warum. Sie sagte, ich könnte es beim Auf­sagen nicht so gut betonen wie Alfred. Ich sagte darauf: "Ach so, es wird also auch die Behinderung zensiert. Dann brauche ich mich ja gar nicht so anstrengen." Da wurde sie rot, sagte aber nichts. Vielleicht hat sie wieder an meinem Vater gedacht. Denn er hatte ihr gedroht, daß er mit unserer FĂŒrsorgerin, die in den Ferien oft zu uns kam, reden wolle, wenn das nicht besser wird. In der Schulpause meinten die anderen Kinder, ich hĂ€tte aber Mut gehabt.

Als Martha Gerold in den Ruhestand ging, kam Barbara Schumann und ĂŒbernahm das 1. Schuljahr und Erika Severin hatte nun das 5. bis 8. Schuljahr. Als ich wieder zu ihr in die Klasse kam, schaffte ich, mein letztes Jahr dort, das 5. und 6. Schuljahr in einem Jahr, denn bei ihr ging es bedeutend ruhiger zu.

Helga S. Konfirmation bei Pastor Effey
1. Reihe, 3. von rechts

Als Dr. Katthagen wieder mal seine berĂŒhmte Visite bei uns machte, fragte ich ihn, ob ich fĂŒr das Bein Massage oder Gymnastik bekommen könne. Er sah sich das immer noch angewinkelte Bein an und verordnete mir statt dessen eine Schiene ohne Kniegelenk, die ich bis zu meiner Entlassung aus Volmarstein tragen mußte. Darauf achteten die Diakonissen streng. Nur in den Ferien zu Hause trug ich sie nie, weil ich merkte, daß das Bein in der Schiene nicht mitwuchs und auch immer dĂŒnner wurde. Wie ich mit der Schiene im Rollstuhl gesessen habe, kann man auf dem Konfirmationsbild, das ich beifĂŒge, deutlich sehen. WĂ€hrend die Aufnahme gemacht wurde, stĂŒtze ich das Bein auf dem Rad des neben mir stehendem Rollstuhls ab. Ich war schon einige Jahre zu Hause und bekam regelmĂ€ĂŸig jahrelang Massage, die das Bein wiederkrĂ€ftigte, so daß ich es wieder richtig strecken und belasten konnte.Aber da es kĂŒrzer war, mußte ich orthopĂ€dische Schuhe haben. DerorthopĂ€dische Arzt, der mir die verordnete, wollte gerne die Unterlagenvon der Operation haben. Mein Vater forderte sie von Dr. Bohne auch an.Die Klinik antwortete uns, da ich nicht mehr in Volmarstein wĂ€re, hĂ€ttensie alles vernichtet. So habe ich und werde es auch nie erfahren, wasdamals an mir gepfuscht wurde. 1984 wurde ich hier in Bad Oeynhausen

wegen Arthrose an der linken HĂŒfte operiert, bekam aber keine neue HĂŒfte. Daß ich diese Operation der Schiene zu verdanken habe, kann man sich denken. Auch diese Operation hat mir nur noch mehr Schmerzen gebracht und ich muß nun immer Schmerzmittel einnehmen.

Mit den Diakonissen habe ich mich fast tĂ€glich "gezankt", doch davon ist mir wenig in Erinnerung geblieben. Nach dem Unterricht hielt ich mich hĂ€ufig in den Schulklassen auf, weil sie dort nicht reinkamen. Sie dachten, ich mĂŒĂŸte nachsitzen. Manchmal kamen noch einige MĂ€dchen und Jungen mit und wir spielten Karten oder Brettspiele. Oder ich las ein Buch und schrieb Briefe. Einmal schrieb ich an meine Eltern. Der Inhalt des Briefes lautete etwa so: Liebe Eltern und Gudrun! Mir geht es gut. Ich muß zwar tĂ€glich nachsitzen, aber das ist nicht so schlimm. Warum, erzĂ€hle ich Euch spĂ€ter in den Ferien. Ihr wißt ja, dieser Brief wird erst von den Schwestern gelesen. Macht Euch keine Sorgen. Viele GrĂŒĂŸe Eure Helga. Den Brief warf ich unverschlossen in den Kasten auf dem Flur, weil ich wollte, daß er gelesen wurde. Am nĂ€chsten Tag stellte mich Schwester Helene W. zur Rede. Sie schimpfte mit rotem aufge­dunsenen Gesicht und sagte, wie ich so etwas schreiben könnte. Wir mĂŒssen eure Briefe lesen, damit wir euch unter Kontrolle haben. Dieser Brief wird nicht abgeschickt. Ich sagte, daß ich damit auch nicht gerechnet habe. Aber was habe ich schlechtes geschrieben? Ist das nicht die Wahrheit? Es gibt ja bald wieder Ferien und zu Hause haben sie mich nicht unter Kontrolle. Da zog sie sich schweigend wieder in ihr BĂŒro zurĂŒck.

Als der Katthagen wieder mal bei uns Visite machte, fragte er mich nach meinem Alter. Ich sagte: "13 Jahre." Dann wollte er wissen, in welchem Schuljahr ich war. "Im 3." sagte ich. Da sagte er: "Da bist du wohl einige Male sitzengeblieben." Bevor ich antworten konnte, sagte eine von den Kindern, daß ich in der Schule sehr gut sei. "Na, na, das glaube ich nicht," sagte Katthagen. Und die Schwester Brunhilde sagte ihm, daß sie es auch nicht glaube, ich mĂŒsse ja fast tĂ€glich nachsitzen. Darauf sagte ich nur zu den Beiden: "Glauben sie, was sie wollen!" Schwester Brunhilde gab mir eine Ohrfeige und sagte, das sei fĂŒr .die freche Antwort. Einmal hatte ich morgens Durchfall und saß deshalb lĂ€nger auf der Toilette und sie wollte mich zum FrĂŒhstĂŒck mit dem Aufzug runter­fahren und mich von der Toilette runternehmen. Ich sagte ihr, daß sie noch einwenig warten möchte. Da klatschte es wieder auf meiner Wange. Um Ruhe zu haben, ließ ich mich zum FrĂŒhstĂŒck bringen. SpĂ€ter im Unterricht bekam ich wieder Bauchschmerzen. Da fragte ich Erika Severin, ob ich "austreten" darf, ich hĂ€tte Durchfall. Sie holte die "Bruni", so nannten wir sie unter uns, und sagte zu ihr: "Bringen sie Helga ins Bett." Immer, wenn ich in den Ferien zu Hause war, ließen meine Eltern auch unseren Hausarzt kommen, weil ich ihnen zu nervös und schreck­haft war. Aber er konnte nicht viel dagegen machen. Einmal kam er mit einer leeren Flasche von Herztropfen, fĂŒllte sie mit klarem Wasser, schrieb eine Gebrauchsanweisung dazu, die etwa so lautete: Morgens und abends 5 Tropfen auf Zucker einnehmen, abends erst nach 19.00 Uhr. Wenn mein Vater mich wieder ins JHH brachte, sollte er die Flasche und Gebrauchsanweisung den Diakonissen geben. Dieser Arzt hatte Humor. Mein Vater gab das auch einer Schwester mit den Worten: "Immer schön pĂŒnklich eingeben." So hatten sie etwas mehr Arbeit mit mir, besonders abends, weil wir ja schon immer um 17.00 Uhr ins Bett mußte. Einige Wochen vor meiner Konfimation wurde im Hermann­Luisen-Haus abends ein Vortrag gehalten. Herr Pastor Effey wollte uns Konfirmanden auch dabei haben und hatte von den Diakonissen fĂŒr uns die Erlaubnis geholt. WĂ€hrend die anderen aus meiner Gruppe aufbleiben durften, sollte ich wie immer um 17.00 Uhr ins Bett. Mir glaubten sie nicht, daß ich auch dazu gehörte und bestanden darauf, daß ich ins Bett ging. Um Ruhe zu haben, legte ich mich vollstĂ€ndig angezogen ins Bett und deckte mich bis oben hin zu. Ich war gerade damit fertig, da schaute die "Bruni" nach mir, merkte aber nicht, daß ich angezogen war. Vor den Vortrag im Hermann-Luisen-Haus ĂŒberzeugte sich Herr Pastor Effey, ob seine SchĂŒlerinnen und SchĂŒler auch alle da waren und vermißte mich. Er fragte nach mir und meine Kollegen sagten ihm, daß ich nicht kom­men dĂŒrfte. Er ließ mich holen. (Gut, daß noch angezogen war.) Am nĂ€chsten Tag stellte er die Brunhilde zur Rede.

Aber es waren auch nette Schwestern da. Eine möchte ich besonders hervorheben: Marie Masuhr, wir nannten sie Schwester Mariechen. Ihr Zimmer lag auf unserer Station gegenĂŒber von unserem kleinen Schlaf­saal, in dem 9 Betten standen. Leider arbeitete sie nur kurze Zeit auf unserer Station. Ich hatte mal in der Adventszeit MittelohrentzĂŒndung und mußte das Bett hĂŒten. Sie kam manchmal zu mir herein, unterhielt sich mit mir und brachte mir oft leckere Sachen mit, die ich immer schnell essen sollte, damit ihre Kollegen es nicht merken sollten, mal kam sie mit heißer Biersuppe, mal mit einem warmen gekochten Ei, mal mit einem rohen geschlagenen Zuckerei, mal mit einem StĂŒck Kuchen, auch mal ein kleines KĂ€nnchen warmer Milch mit Honig oder auch mit Schokolade. Oft war ich schon satt, wenn ich das Mittagessn bekam. Dann kam sie, wenn die "Luft wieder rein war" und nahm mir das Essen weg. Auch erzĂ€hlte sie mir von ihrer Heimat Ostpreußen und wie die Russen dort "gehaust" hatten, als ihr sagte, daß ich von Pommern wĂ€r und die rote Armee mit erlebt hatte. Als die Weihnachtsferien begannen, war ich wieder gesund und mein Vater konnte mich wieder holen. Meine Eltern wunderten sich, daß ich trotz Krankheit so gut aussah. Schwester Mariechen ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil sie mir auch etwas in mein Poesie-Album geschrieben hat, das ich heute noch besitze.

Schwester Hedi möchte ich auch noch erwĂ€hnen. Sie war eine freie Schwester, war verheiratet und wohnte im Dorf. Auch sie wollte uns etwas verwöhnen. Eines Tages sagte sie zu denen, die im kleinen Schlafsaal schliefen, daß wir uns heute abend nicht satt essen sollten, sie wolle uns noch etwas bringen. Wir waren alle im Bett, als sie mit einer großen Tasche kam und verteilte an uns selbstgebackene ReibeplĂ€tzchen. Ach, wie die uns schmeckten! Wir wollten ihr auch eine kleine Freude machen, wußte aber noch nicht womit. Am nĂ€chsten Tag sahen wir sie nicht. Als wir nach ihr fragten, sagte man uns: "Die ist weg und kommt auch nicht mehr" Wir konnte uns denken, was geschehen war.

Da mein Vater im November 1953 seinen 1. Herzinfarkt bekommen hatte, konnte er mich nicht in den Weihnachtsferien holen. Ich war traurig, tröstete mich aber damit, daß es meine letzten Ferien waren, denn Ostern 1954 wurde ich aus der Schule entlassen und konnte Volmarstein fĂŒr immer den RĂŒcken kehren. Da ich nur einen Rollstuhl von dem Haus hatte, den ich nicht mitnehmen durfte, war einer fĂŒr mich beantragt. Die Ferien begannen und der Rollstuhl war noch nicht ferig. Mein Vater, der mich sonst immer getragen hatte, wenn er mich holte, durfte das nun nach dem Herzinfarkt nicht mehr. So hatte er geregelt, daß ich noch im Johanna-Helenen-Heim bleiben sollte, bis der neue Rollstuhl fertig war. Dann sollte ich im Rollstuhl mit der Bahn alleine nach Hause fahren. Steiniger und Severin fuhren in den Ferien immer nach Bacharach. In unserer Schulkasse stand ein Aquarium. Da ich ja im JHH bleiben sollte, bat Severin mich, die Fische in den Ferien zu fĂŒttern und gab mir den SchlĂŒssel von der Klasse. Ferner hatte sie mir gesagt, daß ich nach den Ferien, so lange ich noch da war, bei ihr im 7. Schuljahr mitarbeiten durfte. So konnte ich mich auch in den Ferien in der Klasse aufhalten. Ostersonntag hatte Schwester Martha S. bei uns auf der Jungen- und MĂ€dchenstation Dienst, denn die meisten Kinder waren ja bei ihren An­gehörigen. Ich wollte am Morgen mein Konfirmationskleid anziehen. Doch die Martha bestand darauf, daß ich ein anderes anziehen mußte, das mir zu klein geworden war. Ich konnte mich kaum damit bewegen und ich hatte den ganzen Tag mit ihr Krach. Gegen 16.30 Uhr, es wurde schon der Tisch fĂŒrs Abendessen gedeckt, ging die TĂŒr vom Speisesaal auf und die Kinder riefen: "Helga, guck mal!" Da ich mit dem RĂŒcken zur TĂŒr saß, drehte ich mich um. Da stand mein Vater in der TĂŒr. Vor Freude fing ich an zu weinen. Als die Martha mich weinen sah, schrie sie: "Was hast du nun schon wieder?" und wollte mir eine Ohrfeige verabreichen. Da wurde ich mutig und stieß sie einfach von mir und sagte: "Geh" weg, du hast mir nichts mehr zu sagen!" Sie war außer sich. Da kam mein Vater zu mir (Martha kannte ihn ja nicht.) stellte sich vor und sagte, er wolle mich heute nach Hause holen. Martha wurde von einer Minute zur anderen "die Freundlichkeit selbst". Mein Vater war mit meinem Cousin und dessen Frau gekommen, die in Waldeck wohnten und damals schon ein Auto besaßen, womit sie meine Familie zu Ostern mit ihrem Besuch ĂŒberraschten. Die Frau von meinem Cousin war Gemeindeschwester und war neugierig, wie es bei uns im Heim zu ging. Als sie den halb gedeck­ten Tisch sah, fragte sie, ob es jetzt Kaffee gebe. Da trinken wir gerne eine Tasse mit, bevor wir wieder abfahren, sagte sie. WĂ€hrend Martha mit mir und meinem Vater, der einfach mitkam, nach oben fuhr, um meine Sachen zusammen zu suchen und zu packen, unterhilten sich die anderen Beiden mit den Kindern. Beim Packen fragte mich dann die Martha, ob ich mich nun umziehen wolle. Ich veineinte und sagte, daß die zu Hause alle sehen sollen, wie ich hier angezogen sein muß. Als ich dann endlich im Auto saß und Martha sich verabschieden wollte, schickte ich sie noch mehrere Male hoch und mußte noch Sachen holen, die ich absichtlich vergessen hatte. Unterwegs im Auto sagte mein Vater dann zu mir, daß jetzt endlich unsere ganze Familie wieder zusammen ist. Ich hĂ€tte ihm sehr gefehlt.

So kam ich schneller von Volmarstein weg als geplant. Der Rollstuhl wurde mir einige Monate spĂ€ter nachgeschickt. FĂŒr mich begann nun neuer Lebensabschnitt. Es tat mir gut, daß keiner mehr morgens um 5.00 Uhr die TĂŒre aufriß, "Aufstehen!" schrie und die TĂŒre wieder zuknallte. Und abends konnte ich zu einer normalen Zeit schlafen gehen. Ich kam mir im Johanna-Helenen-Heim vor, als wĂ€re ich im GefĂ€ngnis. Mir ist es unverstĂ€ndlich, wie manche Kinder behandelt wurden. WĂ€hrend ich dies jetzt schreibe, muß an Annegret XXX denken. War es nicht grausam, daß sie nicht zu ihrer schwer kranken Mutter, die mit uns in einem Haus lebte, gehen durfte? Vielleicht hat ihr Vater sich mit der Beschwerde nicht an die richtigen, Leute gewandt ?

Ich erzĂ€hlte meinen Eltern von Annegret und mein Vater sagte, er wĂ€re gar nicht erst zum Vietor oder Katthagen gegangen. Auch was mit Klaus XXX, der keine Angehörigen hatte, gemacht wurde, habe ich die letzte Zeit dort noch miterlebt. Er gehörte damals zu den Kleinen. Da ich 1954 da weg kam, habe ich nicht mehr viel davon erlebt. Auch gab es zu meiner Zeit noch nicht das ZwangsfĂŒttern. Also nehme ich an, daß es spĂ€ter noch grausamer geworden ist. Noch heute habe eine Abneigung gegen das Pflegepersonal und gegen Alten- und Pflege­heimen. Ich fĂŒrchte, daß ich eines Tages wieder in ein Heim muß, weil die Behinderten-Assistenz leider nicht als Beruf anerkannt wird. Vor ca. 20 Jahren wurden hier im Kreis Minden-LĂŒbbecke 2 LehrgĂ€nge fĂŒr Behinderten-Assistenz durchgefĂŒhrt. Leider sind Lehrgangsteilnehmer fast alle in Heimen angestellt worden. Eine Frau von diesen LehrgĂ€ngen arbeitet bei mir. Sie ist bei den Johannitern angestellt und soll fĂŒr mich zustĂ€ndig sein, es sei denn, sie ist krank oder hat Urlaub. Doch oft wird sie auch bei anderen als Pflegekraft eingesetzt und zu mir kommen dann Altenpflegerinnen, eine Sozialarbeiterhelferin und eine Frau, die in Rußland Krankenschwester gelernt hat, was hier aber nicht anerkannt ist. Manchmal habe ich in einer Woche 4 verschiedene Leute hier. So geht Volmarstein fĂŒr mich nun einwenig weiter. Ich hoffe und wĂŒnsche mir sehr, daß Behinderten-Assistenz als vollwertiger Beruf in allen BundeslĂ€ndern anerkannt wird.

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