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Landtag Nordrhein-Westfalen 14. Wahlperiode
Ausschussprotokoll APr 14/1123 18.03.2010
Ausschuss fĂŒr Generationen, Familie und Integration
78. Sitzung (öffentlich) 18. MÀrz 2010 13:30 Uhr bis 16:15 Uhr
Vorsitz: Andrea Milz (CDU)

Punkt 7: Zwischenbericht des Runden Tisches „Heimerziehung in den 50-er und 60-er Jahren“ - Sachstand und Schlussfolgerungen der Landesregierung [NRW] Vorlage 14/3266

Ausschussvorsitzende Andrea Milz weist auf den mit Vorlage 14/3266 zur Kennt-
nis gegebenen Zwischenbericht zum Thema des Tagesordnungspunktes hin. Die
SPD-Fraktion habe einen mĂŒndlichen Bericht beantragt, um die EinschĂ€tzung der
Landesregierung zu erfahren.

FĂŒr die Landesregierung erstattet StaatssekretĂ€rin Dr. Marion Gierden-JĂŒlich
(MGFFI) folgenden Bericht:

Frau Vorsitzende! Meine Damen und Herren Abgeordnete! Sie hatten um einen
mĂŒndlichen Bericht zur Bedeutung des Zwischenberichts des Runden Tisches
"Heimerziehung in den 50-er und 60-er Jahren" gebeten. Diesem Wunsch kom-
men wir gerne nach. Ich will und muss aber eingangs betonen, dass ein Ender-
gebnis und damit Lösungsperspektiven zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht angebo-
ten werden können. Die Beratungen dieses Runden Tisches erweisen sich als
ausgesprochen komplex. Auch der Runde Tisch selbst hat fĂŒr sich noch keine Lö-
sungsstrategie entwickelt. Das wird Gegenstand in der nÀchsten Phase der Arbeit
sein. Das Mandat des Runden Tisches geht ja bis Ende des Jahres 2010.
Daher werden wir als Landesregierung jetzt auch noch keine Schlussfolgerungen
aus der Arbeit des Runden Tisches ziehen können, sind aber sehr aufmerksamer
Beobachter und Beteiligter an diesem Runden Tisch. Nordrhein-Westfalen und
Schleswig-Holstein sitzen als einzige BundeslÀnder mit an diesem Runden Tisch
und setzen sich damit sehr fĂŒr das von Ihnen angesprochene Thema ein und sind
um eine AufklĂ€rung der Sachverhalte bemĂŒht.

Aus unserer Sicht sind folgende GrundsÀtze wichtig:
Der Runde Tisch "Heimerziehung in den 50-er und 60-er Jahren" ist vom Deut-
schen Bundestag beauftragt, die Anliegen der Heimkinder aufzuarbeiten und eine
Lösung zum weiteren Umgang mit den Geschehnissen zu entwickeln.
In seinen Beratungen hat der Runde Tisch - das zeigt der Zwischenbericht eindeu-
tig - die Berichte Betroffener sehr ernst genommen. Er hat sie intensivst erörtert
und auch aus unserer Sicht eine sehr eindeutige EinschÀtzung der Situation der
Heimerziehung in den 50-er und 60-er Jahren vorgenommen.
Aus der Analyse geht hervor, dass man von der Heimerziehung in diesem Zeit-
raum nicht sprechen kann. Auch fĂŒr damals gilt: Die Situation der Heimkinder in
den Heimen war sehr unterschiedlich. Man kann auch nicht generell von einem
Versagen der Heimerziehung sprechen. Feststellungen wie sie in einer Presse-
meldung des Vorsitzenden des Verbandes der Heimkinder vorgenommen wurden,
nahezu alle Kinder - als bis zu 800.000 in dieser Zeit - seien misshandelt worden,
werden durch den Bericht jedenfalls nicht bestÀtigt. Sie sind auch aus unserer
Sicht völlig ĂŒberzogen.
 
Es hat aber ganz offensichtlich in einer bisher nicht bekannten GrĂ¶ĂŸenordnung er-
hebliche MissstĂ€nde und Übergriffe gegeben, die auch nach den damals herr-
schenden Erziehungsvorstellungen - es ist wichtig, dass die Heimerziehung in der
damaligen Zeit nicht mit den heutigen WertmaßstĂ€ben gemessen werden kann -
auf das SchÀrfste zu verurteilen sind. Generell ist festzustellen, dass damals re-
pressive und restriktive Erziehungsmethoden in den Heimen vorherrschten und
der Gedanke weit verbreitet war, dass Kinder generell - aber insbesondere ge-
fÀhrdete Kinder und Jugendliche - durch HÀrte, Zucht und Ordnung erst zu voll-
wertigen Menschen erzogen werden mĂŒssten. Hier galt nicht nur der Zwang zum
Essen, sondern auch der Zwang zur Arbeit. ZĂŒchtigung in Form von körperlicher
Gewalt gehörte ebenfalls zum Alltag vieler Heime, damals allerdings auch zur All-
tagspraxis in vielen Familien.
Zutreffend ist, dass Arbeit in vielen Heimen eine wesentliche Rolle spielte. Arbeit
als Teil von Erziehung war ein ganz wichtiges Mittel. Allerdings wĂ€re der RĂŒck-
schluss, es handele sich dabei um Zwangsarbeit insoweit verfehlt, weil der Begriff
Zwangsarbeit schlechterdings mit der Zwangsarbeit der Zwangsarbeiter im Natio-
nalsozialismus belegt ist. Das wiederum ist dann auch gegenĂŒber diesen Opfern
nicht angemessen.
Sie sehen also: Es sind doch hoch komplexe VorgÀnge, mit denen wir uns be-
schÀftige

Es ist wichtig, dass der Runde Tisch feststellt, dass auch unter Anerkennung und
BerĂŒcksichtigung der damals herrschenden Erziehungs- und Wertevorstellungen
in den Einrichtungen der kommunalen Erziehungshilfe, der FĂŒrsorgeerziehung und
der freiwilligen Erziehungshilfe jungen Menschen Leid und Unrecht widerfahren
ist. Nach den vorliegenden Erkenntnissen muss bezweifelt werden, dass diese
MissstĂ€nde ausschließlich auf einzelne mit der pĂ€dagogischen Arbeit beauftragte
Personen zurĂŒckzufĂŒhren sind. Vielmehr erhĂ€rtet sich der Eindruck, dass das
"System Heimerziehung" große MĂ€ngel sowohl in fachlicher als auch in aufsichts-
rechtlicher Hinsicht aufwies.
Daraus leitet sich jedoch nicht ein systematischer Verstoß gegen Erziehungsprin-
zipien ab, sehr wohl aber die Frage nach einer Verantwortungskette ausgehend
vom örtlichen Jugendamt ĂŒber das Landesjugendamt als HeimtrĂ€ger, ab 1961 als
Fachaufsicht und Heimaufsicht sowie als FinanzierungstrÀger. Auch die freien
TrĂ€ger sind hier einzubeziehen, denn sie waren zum damaligen Zeitpunkt ĂŒber-
wiegend TrÀger der Heime.

Der Runde Tisch hat sich auch der Frage der VerjÀhrung eventueller straf- und zi-
vilrechtlicher AnsprĂŒche sowie der Möglichkeit von RentenansprĂŒchen und Opfer-
entschĂ€digungsansprĂŒchen angenommen. Dazu gibt es inzwischen eindeutige
Stellungnahmen, die im Kern darauf hinauslaufen, dass keine der derzeit gelten-
den Rechtsgrundlagen fĂŒr EntschĂ€digungen herangezogen werden kann. Im Ren-
tenrecht wird noch weiter zu prĂŒfen sein, ob es Sonderregelungen geben kann.
Hier wird es auch darauf ankommen, ob objektiv VerstĂ¶ĂŸe gegen die Rentenversi-
cherungspflicht vorliegen. Erste Hinweise ergeben sich hier fĂŒr die Landesregie-
rung im Übrigen aus den Zwischenergebnissen der Studien der beiden Landesju-
gendÀmter. - Hinsichtlich des Strafrechts wird man von einer VerjÀhrung der Straf-
taten ausgehen mĂŒssen.
Die Analyse des Runden Tisches, die ich Ihnen vorgetragen habe, zeigt, wie sorg-
fÀltig, intensiv und differenziert eine Auseinandersetzung mit der Heimerziehung in
den 50-er und 60-er Jahren zu erfolgen hat. Sie ist daher auch fĂŒr die Landesre-
gierung eine wichtige Grundlage bei der Suche nach Lösungen.

Zur Situation in Nordrhein-Westfalen lÀsst sich feststellen:
Bereits in den 50-er Jahren hat das zustÀndige Sozialministerium durch eindeutige
Erlasse klar gestellt, dass körperliche ZĂŒchtigung in den Heimen zu untersagen
ist. Sollte von dieser Weisung abgewichen werden, durfte eine ZĂŒchtigung nur
vom Heimleiter oder der Heimleiterin selbst vorgenommen werden, und hierzu
musste ein Strafbuch angelegt werden. AuszĂŒge aus den StrafbĂŒchern zeigen
uns, dass die AnlĂ€sse fĂŒr körperliche ZĂŒchtigung hĂ€ufig aus der heutigen Sicht be-
trachtet gering waren, aber - wie auch der Runde Tisch feststellt - aus der damali-
gen Sicht dem Grundsatz repressiver Erziehung entsprachen. Ob die Strafberichte
geschönt waren, lÀsst sich leider nicht mehr nachweisen.
Der Einweisungsgrund in ein Heim, der in der Regel vom Jugendamt entschieden
und vom zustÀndigen Vormundschaftsrichter angeordnet wurde, stellt sich auf den
ersten Blick nach Auffassung der Wissenschaftler zwar als fachlich vertretbar dar -
jedenfalls wenn man die Aktenlage berĂŒcksichtig; hier wird allerdings auf den
zweiten Blick geachtet werden mĂŒssen, um einen Zusammenhang im Sinne einer
Verantwortungskette, die ich eben schon genannt habe - Jugendamt, Landesju-
gendamt, HeimtrĂ€ger usw. - herstellen zu können. Die 1961 eingefĂŒhrte Heimauf-
sicht hat offensichtlich eher routinehaft funktioniert, nicht aber nach qualitativen
Gesichtspunkten differenzierte systematische PrĂŒfungen durchgefĂŒhrt.
Bei den beiden LandesjugendÀmtern haben sich inzwischen wohl mehr als 500
Betroffene gemeldet, die zunÀchst Einsicht in ihre Akten haben möchten und eine
Aufarbeitung und Anerkennung ihres Leidens anstreben. NatĂŒrlich spielt bei eini-
gen auch die Frage einer individuellen EntschÀdigung eine Rolle. Dies entspricht
auch den Informationen der katholischen Kirche und des Runden Tisches, die
ebenfalls beide Hotlines eingerichtet haben.
Insgesamt haben sich derzeit rund 1.500 - vielleicht etwas mehr - Betroffene ge-
meldet. DoppelzÀhlungen sind bislang nicht herausgenommen worden. Vermutlich
wird man aktuell von etwa 1.000 Betroffenen ausgehen dĂŒrfen.
Ein Großteil der Akten ist in den LandesjugendĂ€mtern noch erhalten. Sie werden
den Betroffenen zugĂ€nglich gemacht. Außerdem ist auch möglich, dass sich die
Betroffenen bei der Durchsicht der Akten begleiten lassen, das also nicht alleine
machen mĂŒssen, sondern jemand mit ihnen in die Akten geht. Das ist auch, so
denke ich, aus psychologischen GrĂŒnden ein durchaus sehr sinnvolles Angebot.
Festzustellen ist zudem, dass es zwischen Betroffenen und TrÀgern der Einrich-
tungen sowie den Heimen inzwischen zu Kontakten gekommen ist. Hier haben die
Heime entsprechende Möglichkeiten geschaffen - so z. B. das Diakonische Werk
wie auch TrÀger aus dem Bereich der katholischen Kirche.
Auch im kommunalen Raum werden solche Aufarbeitungsstrategien aufgegriffen.
So hat zum Beispiel das Kreisjugendamt Warendorf in einer öffentlichen Veran-
staltung in den letzten Tagen Betroffene zu Wort kommen lassen.

Aus unserer Sicht ergeben sich zunÀchst einmal folgende Konsequenzen:
Wir werden die Beratungen am Runden Tisch weiterverfolgen. Wir werden die Lö-
sungsvorschlÀge, die dort erarbeitet werden, analysieren und weiterhin sehr eng
begleiten.
Herr SchÀfer geht als leitender Mitarbeiter unseres Hauses dorthin und engagiert
sich darĂŒber hinaus in enger Kooperation mit den beiden LandesjugendĂ€mtern in
der Begleitung der wissenschaftlichen Studie, die dort lÀuft, damit wir aus eigener
Anschauung die Arbeit des Runden Tisches begleiten können.
Im Rahmen der Zusammenarbeit mit den BundeslÀndern entwickeln wir Lösungs-
strategien, die auch fĂŒr Nordrhein-Westfalen GĂŒltigkeit haben sollen und Möglich-
keiten der Hilfe anzeigen.
Angesichts des Beratungsstandes des Runden Tisches und der noch nicht gÀnz-
lich geleisteten Aufarbeitung der Problematik halten wir es fĂŒr unbedingt erforder-
lich, die Beratungen jetzt nicht auf die Ebene des Parlaments zu heben. Das wĂŒr-
de das Parlament unter einen ganz großen Erwartungsdruck durch die Betroffe-
nen selber stellen. Das zeigt sich in den LĂ€ndern, in denen das gemacht wurde, so
in Niedersachsen und Hessen.
Angesichts der derzeit laufenden Gesamtdiskussion - auch hinsichtlich der sexuel-
len MissbrauchsfÀlle - bedarf es aus unserer Sicht weiterer AufklÀrung der Sach-
verhalte und sorgfĂ€ltiger PrĂŒfung bezĂŒglich möglicher LösungsvorschlĂ€ge.
Sobald uns die Analysen der beiden LandesjugendÀmter vorliegen, wird es sinn-
voll und ratsam sein, im Rahmen einer grĂ¶ĂŸeren GesprĂ€chsrunde mit Betroffenen
ĂŒber diese Ergebnisse zu beraten und sie mit den Aussagen der Betroffenen zu
vergleichen und in Übereinstimmung zu bringen.
Wir sind gerne bereit, zu gegebener Zeit - wenn wir wieder etwas mehr wissen -
dem Ausschuss erneut zu berichten.

Wolfgang Jörg (SPD) erachtet es als wichtig, Erziehungsmethoden in den Heimen
wÀhrend der in Rede stehenden Zeit nicht alleine darauf zu reduzieren, dass die El-
tern von Erziehungsvorstellungen noch aus der Zeit des Nationalsozialismus geprÀgt
gewesen seien. Die strukturelle Gewalt habe eine darĂŒber hinausgehende QualitĂ€t
und verdiene eine besondere Aufarbeitung. Die SchÀden, die die Kinder mit auf ihren
Lebensweg genommen hÀtten, seien unermesslich. Die Strategie der Aufarbeitung,
die die StaatssekretĂ€rin vorgestellt habe, halte er fĂŒr richtig. Wegen der nicht immer
unproblematischen Offenlegung werde diese Aufarbeitung wohl noch einige Zeit in
Anspruch nehmen. Eine Reduktion allein auf die 50-er und 60-er Jahre griffe aller-
dings zu kurz. Er wisse aus Berichten, dass die beklagten Methoden auch noch in
den 70-er Jahren angewandt worden seien.
Mit ihrer Initiative, das Thema auf die Tagesordnung zu bringen, habe sich die Abge-
ordnete Annegret Krauskopf bis zum letzten Tag ihrer parlamentarisch-politischen
Laufbahn um Kinder - vor allem benachteiligte Kinder - gekĂŒmmert.
(Allgemeiner Beifall)

Marie-Theres Kastner (CDU) bedankt sich sowohl fĂŒr den schriftlichen Bericht als
auch die mĂŒndliche Berichterstattung. AbgrĂŒnde tĂ€ten sich auf. Es werde noch lange
dauern, bis das Thema aufgearbeitet sei. Eine Erledigung nicht im politischen Ta-
gesgeschĂ€ft halte sie fĂŒr wichtig. GrĂ¶ĂŸtmögliche Gemeinsamkeit sei gefragt. Deutlich
mĂŒssten auch ZusammenhĂ€nge in den Blick genommen werden, die vergleichbare
Entwicklungen heute noch begĂŒnstigten.

Vielleicht hÀtten Heimkinder im Zuge der bundesweiten Missbrauchsdiskussion end-
lich auch eine Chance, gehört zu werden, hofft Annegret Krauskopf (SPD). Bisher
seien deren Signale politisch nicht aufgenommen worden. Sie selber habe aufgrund
einer PraktikantinnentÀtigkeit in einem Heim in den 50-er Jahren eine besondere Af-
finitÀt zum Thema entwickelt. Manche Dinge könnten jetzt tiefgreifender erörtert wer-
den. Die betroffenen Menschen wollten ihre WĂŒrde wiederhaben. An bestehende
Gesetze, die Missbrauch untersagten, hÀtten sich viele oftmals nicht gehalten.
Bei der Gelegenheit dĂŒrfe auch nicht außer acht gelassen werden, dass behinderte
Heimkinder ĂŒberhaupt nicht am Runden Tisch vertreten seien. Sie appelliere an die
Anwesenden, nicht bis zu einer Entscheidung zu warten, die jetzt nach hinten ge-
schoben werde. FĂŒr die wenigen Menschen, um die es gehe, sei eine schnelle Ent-
scheidung zu finden, statt einen Runden Tisch nach dem anderen zu veranstalten.
Den Menschen solle nicht durch eine bloße Entschuldigung, sondern durch Taten ih-
re WĂŒrde zurĂŒckgegeben werden.

StaatssekretĂ€rin Dr. Marion Gierden-JĂŒlich (MGFFI) stellt zunĂ€chst klar, der Blick
auf die 50-er und 60-er Jahre sei bildlich gemeint und hÀnge damit zusammen, dass
diese Zielgruppe im Vordergrund der Petition aus diesem Kreis gestanden habe.
Der Runde Tisch werde am Ende seines auf zwei Jahre angelegten Mandats einen
Vorschlag unterbreiten. Die durch den Beitrag der Abgeordneten Krauskopf zum
Ausdruck gebrachte emotionale Betroffenheit könne sie, Gierden-JĂŒlich, nachvollzie-
hen. Zu beachten sei der bisher einmalige Vorgang, dass der Petitionsausschuss
des Bundestags einen solchen Runden Tisch unter Beteiligung Betroffener, Wissen-
schaftler und weiteren Beteiligten eingerichtet habe, um das Problem systematisch
aufzuarbeiten. Die Vorsitzende Antje Vollmer sei Garantin dafĂŒr, dass mit hohem
Engagement an der
notwendigen AufklÀrung gearbeitet werde. Auch die Behinderten seien - wenngleich
nicht direkt durch Personen vertreten - im Blick des Runden Tisches. Angesichts ak-
tueller VorfÀlle werde das Haus eine qualitative Analyse zum Thema "Heimaufsicht"
vornehmen, um fĂŒr die Zukunft eine qualitative Weiterentwicklung zu erreichen.

Norbert Killewald (SPD) bittet um weitere AuskĂŒnfte zur Aktenlage der von der
StaatssekretÀrin erwÀhnten 1.000 FÀlle. Der staatliche Anteil der AufklÀrungsarbeit
mĂŒsse deutlich und schnell abgearbeitet werden. Es mĂŒsse möglich sein, die Akten
eines TrĂ€gers ĂŒber einen Zeitraum von 10/20 Jahren aufzuarbeiten. Er werbe fĂŒr
mehr AktivitĂ€t. Es könnte ansonsten fĂŒr die TrĂ€ger, die heute tĂ€tig seien, zu einem
GlaubwĂŒrdigkeitsproblem kommen. Wie solle einem drohenden Vertrauensverlust
vorgebeugt werden?

Andrea Asch (GRÜNE) dankt der Abgeordneten Krauskopf dafĂŒr, das Thema auch
angesichts der jetzt publik gewordenen MissbrauchsfÀlle in Einrichtungen und Inter-
naten auf die Tagesordnung gebracht zu haben. Bekannt sei, dass es neben Gewalt,
ZwangsfĂŒtterung und Arbeitszwang massivsten sexuellen Missbrauch gegeben ha-
be, der mit anderen Gewaltformen gekoppelt gewesen sei. Der Landschaftsverband
Rheinland habe sich dieses Themas sehr intensiv angenommen und eine Untersu-
chung zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels in Auftrag gegeben.
Die LandschaftsverbÀnde seien sowohl als Heimaufsicht wie auch TrÀger eigener
Einrichtungen betroffen. Sie hoffe darauf, dass gegenĂŒber den Opfern eine Ent-
schuldigung ausgesprochen werde.

         (StaatssekretĂ€rin Dr. Marion Gierden-JĂŒlich [MGFFI]: Ich habe eben
         schon gesagt, dass die beiden LandschaftsverbĂ€nde das untersuchen!)

[Asch weiter] Die KontinuitĂ€t der schwarzen PĂ€dagogik der 50-er/60-er Jahre fuße auf einer
KontinuitÀt der nationalsozialistischen PÀdagogik - auch in personeller Hinsicht. Viele
ehemalige Soldaten seien ohne pÀdagogische Ausbildung als "Erzieher"
ĂŒbernommen worden. Erkenntnisse habe es schon damals und nicht erst jetzt
gegeben. Es sei höchste Zeit zu reagieren. Die aktive Mitarbeit der Landesregierung
von Nordrhein-Westfalen am Runden Tisch auf Bundesebene, so die Abgeordnete
an StaatssekretĂ€rin Dr. Marion Gierden-JĂŒlich und RegierungsbeschĂ€ftigten SchĂ€fer
gewandt, heiße sie gut. Es stĂŒnde allerdings Nordrhein-Westfalen als oberster
Landesjugendbehörde gut an, die AktivitÀten der LandschaftsverbÀnde zum Anlass
zu nehmen und sich dazu auch öffentlich zu verhalten, eine Initiative zu starten, die
zeige, dass die Opfer gehört wĂŒrden und ein StĂŒck ihre WĂŒrde zurĂŒckbekĂ€men. Die
Betroffenen mĂŒssten sich mit ihrem Leid ernst genommen fĂŒhlen.

StaatssekretĂ€rin Dr. Marion Gierden-JĂŒlich (MGFFI) erinnert daran, dass Profes-
sor Klaus SchÀfer als Vertreter der Kinder- und Jugendministerkonferenz aller LÀn-
der am Runden Tisch auf Bundesebene teilnehme. Damit vertrete Nordrhein-
Westfalen das Anliegen offensiv.
Das PhÀnomen sei bundesweiter Natur und werde in engster Abstimmung mit den
beiden LandesjugendÀmtern angegangen. Beide LandesjugendÀmter arbeiteten vor-
bildlich. Als Hintergrundinformation: Die Betroffenen verdrÀngten ihre Qualen oft ein
Leben lang. HÀufig kÀmen sie erst im Alter zur Artikulation ihres Leides. Von daher
sei es nicht ungewöhnlich, dass sich die Opfer erst in höherem Alter zu Wort melde-
ten. Auch das sei ein Grund dafĂŒr, dass die öffentliche Verantwortung - Heimaufsicht
und LandesjugendÀmter - erst sehr spÀt mit der Fragestellung konfrontiert worden
sei. Aber dann sei sofort die Vernichtung von Akten gestoppt worden. Beide Land-
schaftsverbÀnde hÀtten den Opfern Zugang zu Akten gewÀhrt. Mittlerweile gelte das
auch fĂŒr die Einrichtungen selber.
Das MGFFI stehe fĂŒr Betroffene, die das GesprĂ€ch suchten, jederzeit offen. Sie be-
richte darĂŒber hinaus im Petitionsausschuss im Übrigen regelmĂ€ĂŸig ĂŒber den Fort-
gang der Arbeiten. Die Befassung mit der Vergangenheit biete auch Anlass, sich mit
der Heimaufsicht heute in qualitativer Hinsicht auseinanderzusetzen. In dieser Be-
fassung liege ein SchlĂŒssel zur PrĂ€vention fĂŒr zukĂŒnftige FĂ€lle.

RegierungsbeschÀftigter Prof. Klaus SchÀfer (MGFFI) ergÀnzt: GesprÀche mit
Kirchen und Kommunen wĂŒrden gefĂŒhrt. Es gehe um die Beantwortung der komple-
xen Frage, wie AnsprĂŒche - nicht im Sinne von RechtsansprĂŒchen wohl bemerkt -
abgeleitet werden könnten. Vor etwa drei Wochen habe er sich die Zwischenergeb-
nisse der wissenschaftlichen Untersuchung der beiden LandesjugendÀmter zeigen
lassen. Beide LandschaftsverbĂ€nde legten Wert auf eine zĂŒgige Aufarbeitung. Das
MGFFI habe somit ein klares Bekenntnis zu seiner Verantwortung und zur Koordina-
tion der LÀnder abgegeben. In den 11 anderen alten BundeslÀndern habe man es
mit zum Teil völlig anderen Ausgangslagen zu tun. Im Saarland und in Bayern etwa
habe es jeweils nur die Meldung eines Betroffenen gegeben.
1961 habe es die Heimreform gegeben. Er habe 1969 als Erzieher in einer Einrich-
tung gearbeitet und wisse deshalb um die ZusammenhĂ€nge. Das Feld mĂŒsse zu-
nĂ€chst grĂŒndlich aufgearbeitet werden, bevor es zu einer abschließenden Antwort
kommen könne. Ein vorlÀufiges Ergebnis bringe niemanden weiter. Noch vier Sit-
zungen stĂŒnden an. Der Zwischenbericht enthalte bereits Hinweise auf immaterielle
Lösungen. Ein sehr differenzierter Katalog sei herausgearbeitet worden.

Vortrag StaatssekretÀrin als pdf-Datei hier klicken

Private Stellungnahme (muss nicht mit der Meinung der FAG JHH 2006 ĂŒbereinstimmen) von Helmut Jacob in seinem privaten Blog hier klicken