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Mein Freund Jochen R. war magenkrank und erbrach die stinkende, steife Pampe in seinen Blechteller. Schwester J. fĂŒllte ihm mit Gewalt das Erbrochene in den zwangsgeöffneten Mund ein.

Es gab kein Spielzeug, keine BĂŒcher, keine Abwechslung. Einige fuhren mit ihren RollstĂŒhlen und LaufrĂ€dern umher. Wer einen Bindfaden ergattert hatte, konnte mit Freunden Fingerfadenspiele entwickeln.

HEIM OHNE HEIMAT,

EIN LEBEN ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE

Lebenserinnerungen aus der Jugendzeit in einem Heim fĂŒr körperbehinderte SchĂŒlerinnen und SchĂŒler in D 58300 Wetter-Volmarstein

TrĂ€ger dieser Einrichtung ist die Evangelische Stiftung Vomarstein (ESV), ehemals: OrthopĂ€dische Anstalten Volmarstein; KrĂŒppelanstalten Volmarstein

Ehemalige SchĂŒlerinnen und SchĂŒler versuchen als „Freie Arbeitsgruppe JHH 2006“ die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, in der sie durch die GrĂ€ueltaten der Diakonissen, Lehrerinnen und Anderer oft erhebliche SchĂ€den an Leib und Seele genommen haben. Wegen der verunglimpfenden Weise und Bagatellisierung der damaligen Ereignisse durch die ESV wurde diese Dokumentation notwendig. Sie dient gleichzeitig der eigenen Aufarbeitung und BewĂ€ltigung der erlittenen SchĂ€den.

Hinter dem Altar der Holzkapelle befanden sich drei Fenster etwa zimmerhoch. Lehrerin St. brachte fĂŒr jedes Fenster LaubsĂ€gearbeiten an. Zwischen den ausgesĂ€gten Elementen klebte sie buntes, lichtdurchlĂ€ssiges Papier. So ergab dies ein Transparent mit drei Fenstern. Auf dem mittleren Fenster wurde die Geburt Christi dargestellt. Hier die drei Jungfrauen (linkes Fenster).

STURZ IN DIE VERGANGENHEIT

 Ein Zeitungsartikel ĂŒber das Schicksal behinderter Kinder im „Johanna-Helenen-Heim“, den mein langjĂ€hriger Freund Ernst Börstler mir 2006 zugeschickt hatte, weckte lĂ€ngst vergessene, nein, verdrĂ€ngte Ereignisse in mir. Im Sturzflug wurde ich in die Vergangenheit katapultiert. Auch ich war einst SchĂŒler in diesem Heim der OrthopĂ€dischen Anstalten Volmarstein.

 Der damalige Vorstandsvorsitzende hatte in beschwichtigender und verharmlosender Weise Bezug auf die Folter und GrĂ€ueltaten an kleinen, behinderten Kindern genommen, von denen einige OrganschĂ€den erlitten oder, wie zu hören war, ihr Leben lassen mussten.

 LĂ€ngst verschĂŒttete GefĂŒhle brachen vehement in mir auf. Schnell war ein mit Lanzen und Nadeln gespicktes Pamphlet entworfen, welches zum Schutz von Betroffenen anonym an die Zeitungsredaktion und den Schreiber des Leserbriefes ging.

 In langen, schweißnassen NĂ€chten kam jetzt die Erinnerung wie eine Flut, nein, wie ein Tsunami, auf mich zu und drohte mich zu verschĂŒtten, zu ertrĂ€nken, mir die Luft zum Atmen zu nehmen.

 Alle Bilder und Situationen wurden wieder prĂ€sent. Ja, ich durchlebte alle markanten Geschehnisse erneut mit der gleichen IntensitĂ€t wieder. Alles war wieder da! Der Film meines bisherigen Lebens lief vor mir ab.

 Ich erkannte die ZusammenhĂ€nge zwischen den Erlebnissen der Kindheit und meinem heutigen Dasein.

 Mein Interesse an der eigenen Psyche hat mir rudimentĂ€re Kenntnisse ĂŒber die Verbundenheit von frĂŒhen Lebensereignissen und spĂ€terem Verhalten, mit den sich daraus ergebenden AuffĂ€lligkeiten, vermittelt. Mit der Nase wieder auf die lĂ€ngst verdrĂ€ngten Ereignisse meiner Schulzeit gestoßen, wurde mir allmĂ€hlich bewusst, wieso ich die verschiedenen ungeliebten Verhaltensmuster entwickelt hatte.

 Wie war das damals, wie hatte sich mein Leben entwickelt?

 

GEFANGEN UND GEKNEBELT

 Als die TĂŒr hinter mir zuschlug, war ich gleichsam in einer neuen Lebenssituation. Meine Mutter war gegangen. Ich stand allein in dem weiten Flur. Vor Schreck musste ich aufs Klo. Dort waren die Fenster vergittert. Ich war „gefangen“!

 Die Schwester brachte mich aufs Zimmer. Keiner der Jungs wollte schon schlafen; sie jauchzten und waren noch geschĂ€ftig in ihren Betten. Gleichsam erstarrt saß ich in meinem Bett und nahm die unwirkliche neue Umgebung war.

 Der „Neue“ wurde alsbald ausprobiert. Walter nestelte unter meiner Bettdecke herum, ich wusste nicht wie mir geschah; bis Reinhard es ihm verbot. Es herrschte eine geordnete, wenn auch zerbrechliche Hierarchie. Von nun an hieß es, tapfer gegen die Angst anzukĂ€mpfen, die aus jeder Situation neu entflammen konnte. Ich hatte hier nichts zu sagen. Ich hatte Still zu sein, ganz unten in der Rangordnung. Wer seinen Mund nicht halten konnte oder gegen den Ranghöheren aufbegehrte, bekam das Kissen ĂŒber den Kopf und wurde zum kuschen gebracht. Zum GlĂŒck hatte ich als Kleinkind schon bei Kissenschlachten mit stĂ€rkeren Kindern die Strategie entwickelt, mich ruhig zu verhalten und langsam aber stetig weiter zu atmen. Ich wusste, wie es geht.

 

           Ich entwickelte meine neue Lebensstrategie:

             „
 halte den Mund,

             atme ruhig weiter,

             und leide von nun an!“

 

HEIMALLTAG OHNE AUSWEG

 Wie ein Gewitter stĂŒrzte die geforderte Tagesroutine auf mich nieder.

 Wecken; im Nachthemd ĂŒber den kalten Flur zum Gemeinschaftswaschraum. Allgemeines ZĂ€hneputzen und KatzenwĂ€sche. Ankleiden und Antreten zum gemeinschaftlichen Aufzugtransport in den Speisesaal im Parterre. Wer schon beim Stehen vor dem Aufzug aus der Reihe tanzte, hatte sein erstes, wenn auch lĂ€ngst nicht sein letztes „Fett“ schon weg. Anweisungen und Zurechtweisungen wurden zur selbstverstĂ€ndlichen Kasernenhof- Kommunikation des Alltags.

 Auf den zerkratzten Linoleumtischen warteten Marmeladenbrote mit ranziger Butter auf verbeulten Blechtellern auf uns, im Wechsel mit dem trockenzĂ€hen „Vietor-KĂ€se“: Eine entfernte Verwandtschaft mit dem ehemaligen „Chester-Field“, welcher offenbar durch den Anstaltsleiter Pastor Vietor erbettelt wurde, nachdem der Bestand durch die Britische-Rheinarmee wohl ausgemustert worden war. So erzĂ€hlte man uns und ermahnte zur Dankbarkeit und Anerkennung wegen der aufopfernden Bettelei des Anstaltsleiters fĂŒr uns Rechtlosen, wenn sich der Appetit nicht einstellen konnte. Dazu ein Getreidetrunk, der Kaffee genannt wurde. Wenn wir die sattelĂ€hnlichen, vertrockneten Brotgebilde als Spielobjekte benutzten (sie wippten ja so schön auf den klappernden Blechtellern), gab es die stets verĂ€rgerten Zurechtweisungen durch die Diakonissen. 

 

SCHULE ZWISCHE FREUDE UND MARTYRIUM

 Wir verteilten uns je nach Alter und Schuljahr in die drei KlassenrĂ€ume. Schlaftrunken saßen wir in dem noch kalten Klassenraum; es dauerte, bis die Heizung und unsere KörperwĂ€rme den hohen Raum erwĂ€rmt hatte. Schlaftrunken oft, saß auch FrĂ€ulein Sch. auf ihrem Lehrerpodest.

 Die TĂŒr zum Klassenraum öffnete eine neue Welt.

 Meinen Freund Rolf Anheier, der den Tageskalender mit den Ereignissen und Jahreszahlen der Großen aus Geschichte, Weltpolitik und Wissenschaft vorlesen durfte, beneidete ich um sein Privileg. Wie gern hĂ€tte auch ich einmal in dieser Disziplin brilliert. Wer aber in der letzten Reihe sitzt und erst jetzt nach langer Krankheit wieder in der Schulbank sitzt, kann nicht mit der Zuneigung der Lehrerin rechnen. Wer zu spĂ€t kommt, den bestraft das Leben; das lernte ich schon damals.

 Der Tagesauftakt mit der Verlesung von bedeutenden Jahresdaten ließ ein GefĂŒhl von elitĂ€rem, erlesenem Bildungsniveau aufkommen. Erstmals hörte ich, nach den versĂ€umten Jahren im Krankenhaus, von der GrĂ¶ĂŸe und den Heldentaten der Dichter, Denker, Forscher und was sonst noch wichtig in der Welt gewesen war. Allenthalben war hier der Ort, an dem mit Spannung Neuland zu entdecken war.

 Lernfreude und Bildungslust beseelte mein kleines Herz. Dennoch, alle waren ernst und Ă€ngstlich. Ich erinnere mich nicht, jemals ein LĂ€cheln im Gesicht von FrĂ€ulein Sch., unserer Lehrerin, gesehen zu haben. Ob das wohl abgefĂ€rbt hat auf uns Kinder? Die beiden Zwillingsschwestern kicherten gelegentlich.

 Wenn wir auch mit dem Auswendiglernen von Gedichten, christlichen Liedern, Psalmen und religiösen SprĂŒchen ĂŒberfordert waren, so wurden wir doch gefördert und gefordert. Frl. Sch. verspottete oder demĂŒtigte uns nicht. Sie nahm uns ernst, war engagiert und berichtete uns gelegentlich, wie sie in Hagener BĂŒchereien nach neuer Literatur fĂŒr uns gestöbert habe. Wir lasen Goethe und Schiller, kannten uns mit den vorgelesenen ErzĂ€hlungen und auf der Landkarte sowie in Flora und Fauna aus. Jeden Morgen konnte es was Neues geben. Eines Tages gestatte sie mir sogar, ein Kaltwasseraquarium auf der Schulfensterbank einzurichten. Das war ein Privileg der Sonderklasse, konnte ich nun doch meine Erforschungen der frĂŒhen, glĂŒcklicheren Kindertage an TĂŒmpeln, in Busch und Feld fortsetzen.

 Drei Schuljahre wurden jeweils gemeinsam unterrichtet. Meine mĂ€ĂŸigen Leistungen wegen des langen Krankenhausaufenthaltes waren der Grund fĂŒr den Spagat, den ich je nach Unterrichtsfach zu leisten hatte. Deutsch im fĂŒnften, Rechnen im sechsten, Geschichte im siebten Schuljahr. In Religion hatte ich den grĂ¶ĂŸten Nachholbedarf. So durfte ich an den Spielnachmittagen meiner MitschĂŒler, ich sah sie vor dem Fenster, einsam in der Klasse nachsitzen und Psalmen, Kirchenlieder oder Katechismusverse auswendig lernen. Welche LebensĂ€ngste ĂŒberwĂ€ltigen mich am nĂ€chsten Morgen, wenn ich das nur mĂ€ĂŸig Gelernte aufzusagen hatte. Ich war unsicher und fahrig und verhaspelte mich vor lauter Angst. Oft gab es neben dem erneuten Festigen des unfertig Gelernten noch eine zusĂ€tzliche Strafarbeit, damit das Auswendiglernen auch nur ausgiebig genug geĂŒbt wurde.

 Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ich durch die ÜbersetzungstĂ€tigkeit fĂŒr meinen Sprachbehinderten MitschĂŒler Helmut G. einen kleinen Bonus der Anerkennung bei FrĂ€ulein Sch. erringen konnte. Oder war sie einfach nur zufrieden, dass sie sich nicht die MĂŒhe machen musste, meinem MitschĂŒler in der letzten Bank aufmerksam und geduldig zuzuhören?

 Geschlagen wurden wir von ihr nie. Das allein machte sie schon mal sympathisch.  

 

SCHLÄGE IM NAMEN DES HERRN

 Manfred, aus der ersten Klasse bei FrĂ€ulein St., kam des öfteren mit roten Ohren und knallroten Wangen aus dem Klassenraum und berichtete unter TrĂ€nen dass er auch heute wieder geschlagen worden sei. Auch die MĂ€dchen zeigten ihre Finger im vorĂŒbergehen stumm zitternd mit anklagendem Blick vor. Offenbar wurde keiner der SchĂŒler von Frau St. verschont. Die MĂ€dchen und Manfred berichteten in heller Aufregung, dass in der ersten Klasse etwas geschehen sei. Helmut sei wĂ€hrend der langen Zeit des Ecke-Stehens zusammengebrochen und habe sich die Knie blutig geschlagen. Jetzt könne er nicht mehr aufstehen. Er liege noch im Klassenraum.

 Mit Grausen wandten wir uns von diesem GrĂ€uel ab und wollten damit nichts zu tun haben. Wer weiß, konnte man doch evtl. schon als Mitwisser belangt werden. Wir waren froh, verschont zu bleiben.

 WĂ€hrend des Katechismus-Unterrichts in der Klasse von FrĂ€ulein S. hatte mich Jochen St., er kam aus dem Dorf zu uns in den Unterricht, geschupst. Im Fall versuchte ich, mich zu halten und riss dabei das Tintenfass aus der Halterung. Meine bisherige Erziehung und die Meinung meiner MitschĂŒler veranlassten mich am nĂ€chsten Tag, Meldung ĂŒber das Missgeschick zu machen. Ohne meine ErklĂ€rung ĂŒber die GrĂŒnde abzuwarten, erhielt ich beidhĂ€ndig die krĂ€ftigsten Ohrfeigen meines Lebens, die umso krĂ€ftiger und anhaltender erteilt wurden, je mehr es mir gelang, meine TrĂ€nen zu unterdrĂŒcken. Ein tiefes GefĂŒhl der Verachtung wegen meiner Aufrichtigkeit und dass mir Unrecht widerfahren sei, festigte sich in mir. Wie sollte ich mich in meinem spĂ€teren Leben verhalten? War mir doch durch die Vorbildfigur der Lehrerin, die uns auf unser Leben vorbereiten sollte, ein deutlicher Verweis erteilt worden. Mein bisheriges Weltbild geriet ins wanken. Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit lohnten sich nicht? Was war eigentlich richtig? Ich fragte die Bibel und die Lobpreisungen in unseren tĂ€glichen Liedern, Gebeten und GesĂ€ngen!

 â€žIst der Herr wirklich mein Hirte?“

 â€žWird mir wirklich nichts mangeln?“

 â€žFĂŒhrt er mich wirklich auf eine grĂŒne Aue und zum frischen Wasser?“

 â€žIch gehe doch schon lĂ€ngst durch ein dunkles Tal und fĂŒrchte mich so sehr, aber er ist nicht bei mir!“ „Wo ist er?“

 â€žSein Stecken und Stab trösten mich?“ „ Aber wann?“

 â€žWo ist der gedeckte Tisch im Angesicht meiner Feinde?“

 â€žWann nimmt er mich als seinen lieben Gast in sein Haus und salbt mein mĂŒdes, verwirrtes Haupt?“

 â€žSieht so seine GĂŒte und Gnade aus? Alle Tage?“

 â€žMuss ich wirklich fĂŒr immer hier in diesem, seinem Haus wohnen?“

Der Psalm 23 wird mir fĂŒr immer ins blutige Herz gebrannt bleiben!

 

Ich habe lange gezweifelt und manche bittere Lehre bezahlen mĂŒssen, bis ich den aufrechten Gang wieder mĂŒhsam erlernt habe.

   

ERKENNTNISS OHNE ANERKENNUNG

 In meiner frĂŒhen Kindheit hatte ich mit meiner Mutter oft gesungen und daher eine klare und sichere musikalische Stimme entwickelt. Das gereichte mir zu einem kleinen Vorteil, den ich mir zu bewahren wusste. Der frĂŒh einsetzende Stimmbruch bescherte mir den Vorzug, mit Rolf in die gefragte dritte Stimme eingeteilt zu werden. Die Proben fĂŒr AuffĂŒhrungen aus Anlass von Geburtstagen von Pastor Kalle, der Oberschwester oder zu Weihnachten, waren ein herbeigesehntes, besonderes Ereignis. Ich erinnere mich noch, als Baum, mit StrĂ€uchern auf dem Kopf, in einem Singspiel mitgewirkt zu haben.

Bald wurden der Schule Instrumente zugeteilt. Ich erhielt eine Geige, weil ich groß genug war, diese zu halten. Jetzt hatte ich ein Spielzeug im wahrsten Sinne des Wortes. Bald entwickelte ich es zu Meisterschaft und gewann erstmals Anerkennung als SchĂŒler bei dem doch so verhassten FrĂ€ulein St. Wenn ich auch heute die FĂ€higkeit, einen viertel Ton unterscheiden zu können, verloren habe, bin ich doch froh, dass mir die Geige ĂŒber manche bittere Stunde hinweggeholfen hat.

 Frau St. unterrichtete auch den Werkunterricht im engen Keller des Hauses. Meine FĂ€higkeiten aus den frĂŒhen Jahren meiner Kindheit halfen mir, auch hier Beachtung zu erlangen. Da konnte schon mal ein GefĂŒhl der Zufriedenheit mit mir selbst aufkommen. Und gelegentlich wich die stetige Anspannung und Angst vor der Ungewissheit. Ich konnte im nĂ€chsten Moment einer noch unberĂŒcksichtigten, unerkannten Schuld aus Religion oder Sachverhalt bezichtigt zu werden. Wenn mir dennoch gelegentlich bei meinem Eifer ein SĂ€geblatt zerbrach, setzte es strafende Blicke und Missachtung, die meine kleine Seele gehörig peinigten. ErklĂ€rungen ĂŒber die Kosten, die ein zerbrochenes SĂ€geblatt verursachten, konnte ich nicht einordnen. Taschengeld und die Orientierung in den GeschĂ€ften des Dorfes waren unbekannt bzw. unmöglich.

Mittlerer Teil einer LaubsÀgearbeit
Rechts und links davon waren noch einmal Hirten angebracht, so dass das gesamte Bild etwa zwei mal zwei Meter hoch war. Jeden Tag wurden einige Figuren auf GrundtrĂ€gern aufgesteckt. Das Gesamtbild war dann am Tage der Weihnachtsfeier fertig. Zur VergrĂ¶ĂŸerung bitte hier klicken.

Ein filigraner Vasenhalter, als Weihnachtsgeschenk fĂŒr meine Mutter, war das Ergebnis meiner emsigen Schreinerarbeit, den ich fĂŒr mich selbst behalten durfte.

 Das gemeinschaftliche Werk, Fensterbilder mit dem Herrn Jesus und seinen Engeln auf einer Wolke, fĂŒr die Kapelle zu schaffen, machte uns stolz. War die Annahme des vollendeten WerkstĂŒckes fĂŒr das große, gemeinschaftliche Fensterbild der anstaltseigenen Kapelle doch eine stillschweigende, unausgesprochene Anerkennung der vollbrachten kindlichen Leistung zu Gunsten der großen Allgemeinheit.

 Heute erkenne ich, dass auch FrĂ€ulein St. Anerkennung mit unserer Leistung erheischen konnte. Sie strahlte und wurde sehr, sehr rot, als sie vom Pastor gelobt wurde. Der Anblick „meiner“ Fensterbilder lenkte mich ab von dem Zwang der Andachtsteilnahme und zog mich mehr in die Kapelle als die monotone Predigt der Pastoren.  

Drittes Element des Altartransparentes (rechtes Fenster): JĂŒngstes Gericht

 DER TAG NIMMT SEINEN LAUF

 Wer nach den Schulstunden, die um 12 Uhr endeten, nicht pĂŒnktlich, also um 12 Uhr, in den Speiseraum zurĂŒckkehrte, den erwartete selbstverstĂ€ndlich ein gehöriger Tadel, eine Strafpredigt, eine Beschimpfung, eine Verunglimpfung. Je nachdem, welche Laune die Schwestern in ihrer Freizeit von 8 Uhr bis 12 Uhr entwickelt hatten.

 Jeder musste seinen Blechteller leer essen. Es galt das SĂ€ttigungsprinzip. Dabei konnte es schon mal passieren, dass der Hering in der Milchsuppe serviert wurde. Die Tellergerichte waren eintönig bis ungenießbar. So gab es jeden Montag die Wurstreste der vergangenen Woche mit Graupen. Mittwochs die dicken Nudeln und MöhrenstĂŒckchen neben Speckschwartenknubbeln, an denen regelmĂ€ĂŸig die Borsten empor standen. Wer sich getraute, der steckte die Speckknubbel in die Hosentasche und ließ sie beim Freigang verschwinden oder versenkte sie in der Toilette.

 Mein Freund Jochen R. war magenkrank und erbrach die stinkende, steife Pampe in seinen Blechteller. Schwester J. fĂŒllte ihm mit Gewalt das Erbrochene in den zwangsgeöffneten Mund ein. Widerwillig stieß er sich vom Tisch ab und fiel mit seinem Stuhl rĂŒcklings auf den Boden. Diese Situation verlangte nach der Hilfe der herbeigerufenen Diakonissen des MĂ€dchenspeisesaals. Hier bildete sich schnell ein Team. Jeweils eine Schwester kniete auf einem Arm des am Boden liegenden, gekreuzigten Jungen. Die Dritte öffnete ihm gewaltsam den Mund und Schwester Jenny flösste ihm erneut den erbrochenen Rest ein. VerĂ€ngstigt sahen wir dem Geschehen zu. Wir senkten den Blick und wagten nicht, aufzubegehren, konnte uns doch gleiches Schicksal jeder Zeit ereilen. Die Macht der Schwestern war unbegrenzt. Wir waren Augenzeugen und erlebten so selbst eine Folter, ohne das Wort dafĂŒr zu kennen.

 Die guten LĂ€ufer unter uns durften gelegentlich Hilfs- und Einkaufsdienste fĂŒr die Schwestern erledigen. Es bot sich somit die Möglichkeit, in den Schwesternspeisesaal zu blicken, und dabei wurde schnell entdeckt, welche leckeren Speisen fĂŒr die Schwestern bereitgehalten wurden.

 So wussten wir also, dass die Schwestern ihre Speisen an festlich gedeckter Tafel, mit Porzellan auf weißen TischtĂŒchern oder TischlĂ€ufern einnahmen. 

 KLEINE GESCHENKE ERHALTEN DIE FREUNDSCHAFT

 Zum Geburtstag oder aus anderem Anlassen bekam ich von meiner Mutter oder Tanten gelegentlich Briefpost oder ein Geschenkpaket. SĂŒĂŸigkeiten und Kleidung waren wohl neben kleinem Spielzeug der Hauptbestandteil der Geschenke. Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, dass die Post geöffnet und kontrolliert wurde. GutglĂ€ubig und vertrauensselig zu meiner Bezugsperson, wie ich erzogen worden war, rechnete ich nicht mit solchen Maßnahmen. Von einem Postgeheimnis hatte ich nie etwas gehört. Mit dem Argument: „
 auch die anderen Kinder, die kein Paket erhalten, möchten was haben; es muss verteilt werden!“ – schrumpfte der Inhalt meiner Gaben auf ein Minimum. Auch der Hinweis: - „
 du sollst nicht alles auf einmal essen! Wir verwahren es fĂŒr dich.“ fĂŒhrte oft zum Totalverlust. Wenn ich nach einiger Zeit nachfragte ob ich von meinen SĂŒĂŸigkeiten, die in einem verschlossenen Schrank auf dem Flur verwahrt wurden, noch etwas haben dĂŒrfte; bekam ich oft die Antwort: - „
 das ist lĂ€ngst verteilt und die armen Kinder in der DDR sollen doch auch etwas bekommen!“ Die Hinweise der etwas einfĂ€ltigen FrĂ€ulein Schr.: - „
 oh, du hast aber gute, leckere Sachen bekommen!“ nĂ€hrten eine dunkle Ahnung ĂŒber den Verbleib meiner Zuteilungen.

 Bei einem Heimaturlaub in den Schulferien erhielt ich einen Baukasten zu Herstellung eines Detektor-Radios. Mit diesem EinfĂŒhrungswerk in die UrsprĂŒnge der Elektrotechnik konnte ich nach erfolgter Konstruktion, ohne weitere Energiequelle, Radiosendungen meist nur wĂ€hrend der empfangsstarken Abendstunden hören. So muss ich bei leiser Musik aus den Kopfhörern wohl eingeschlafen sein. JĂ€h weckte mich die zornige Stimme von FrĂ€ulein Schr.: „
 hab ich dich doch erwischt, jetzt ist Schluss damit!“ Und mein geliebter RadioempfĂ€nger war mir entrissen. Als ich nach langer Zeit immer wieder die RĂŒckgabe erbettelte, fehlte der unabdingbare Germaniumkristall. Nach anfĂ€nglichem Lob ĂŒber den guten Empfang Ă€ußerte Schwester Jenny nun, nichts ĂŒber den Verbleib zu wissen. An Aufbegehren war natĂŒrlich nicht zu denken. Hatte ich mir doch den Verlust selbst zuzuschreiben?! Nun war meine Kariere als Radiotechniker beendet. Den Verlust von neuer Kleidung konnte ich verschmerzen. Live-Stil war damals noch nicht gefragt.

 

FREIGANG

 Das besondere Ereignis an jedem Mittwoch war der Freigang auf dem Hinterhof zwischen Leichenhalle und Dorffriedhof. Hier spĂŒrten wir, zwischen den Leichen, die WĂ€rme der Sonne.

 Auch draußen gab es kein Spielzeug, wir hatten nur uns selbst. So schoben wir unsere Mitbetroffenen in deren RollstĂŒhlen hin und her. Es konnte uns helfen, die Illusionen aus der Vergangenheit zu bewahren, als wir noch mit Roller und Spielauto tun und lassen konnten, was wir wollten. Jeden Moment konnten uns die Schwestern zur Unterlassung ermahnen. Wenn die Schwestern keine Lust hatten, nach draußen zu gehen, weil es ihnen zu kalt oder zu warm war, fiel der Freigang fĂŒr uns aus.

 Die SpielgerĂ€te, wie sie auf Bildern heute so gerne vorgefĂŒhrt werden, gab es zu meiner Zeit noch nicht.

 

RELIKTE HALTEN DIE ERINNERUNG WACH, HOSPITALISMUS

 Die Nachmittage fristeten wir regelmĂ€ĂŸig in Langeweile und einem stumpfen Dahindösen.

 Wenn wir nicht an den nachmittĂ€glichen Sonderveranstaltungen der Schule wie Singen, Musizieren oder Werkunterricht teilnahmen, saßen wir an den Esstischen mit den Gravuren unserer VorgĂ€nger. Irgendwelche Phantasiegeschichten machten die Runde oder wir spielten mit den eigenen Fingern. Es gab kein Spielzeug, keine BĂŒcher, keine Abwechslung. Einige fuhren mit ihren RollstĂŒhlen und LaufrĂ€dern umher. Wer einen Bindfaden ergattert hatte, konnte mit Freunden Fingerfadenspiele entwickeln. Wenn ich im hohen Mannesalter meine Mutter besuchte, sagte sie oftmals: „Lass die Knibbelei an den HĂ€nden und FingernĂ€geln“. Ich habe das dann meist mit dem Gedanken ignoriert, dass MĂŒtter ja immer an ihren Söhnen herummĂ€keln und verbessern mĂŒssen.

 Nie habe ich darĂŒber nachgedacht, wieso ich das mache und welche Ursache das haben könnte. Heute habe ich den Grund fĂŒr mein zwanghaftes Handeln erkannt.

 Eine ehemals kurze Bekanntschaft wurde jĂ€h beendet, als die Umworbene wĂ€hrend einer emotionsgeladenen Denkpause auf meine Finger starrte und erschrocken, aber bestimmt ihren Kopf fast unmerklich schĂŒttelte. Ich beobachtete ihr Verhalten. Möglicherweise hatte sie wĂ€hrend ihrer eigenen Sozialisation ein Ă€hnliches Erlebnis und den knibbelnden Kandidaten aus anderen GrĂŒnden aus ihrer Favoritenliste gestrichen. Nun verband sie mein Knibbeln mit ihren ehemaligen Erfahrungen und assoziierte dessen negative Fakten. Ich war die heiße Kartoffel, die sie fallen ließ.

 In der Reflektion ĂŒber dieses Ereignis erkannte ich die Spuren in der Vergangenheit. Der Körper vergisst nichts.

 WĂ€hrend der langweiligen Nachmittage an den Tischen im Speisesaal war ich ebenfalls emotional gebunden in freudvolle und aktive Erinnerungen an mein frĂŒheres Leben zu Hause. Die Isolation von jeglichem Spielzeug und BeschĂ€ftigung, gefangen in mir selbst, hatte diese Form des Hospitalismus bei mir verursacht.

 http://www.psychologische-praxis.rielaender.de/Literatur/Hospitalismus.pdf 

 

RECHT HAT, WER DIE MACHT HAT

 In den letzten Tagen meines Heimlebens hatte wohl der Vater eines MitschĂŒlers eine gut gemeinte Idee. Er stellte eine Holzplatte mit StraßenfĂŒhrungen fĂŒr Spielautos zur VerfĂŒgung. Jedoch, wir hatten keine Autos. Der beglĂŒckte Junge hatte zwar Autos, aber jeweils auch um Spielerlaubnis zu fragen. Just mit dem Erhalt von diesem großzĂŒgigen, von den Schwestern missbilligten Geschenk ergab es sich, dass er in ungeahntem Ausmaß allerlei Untaten bezichtigt wurde. So durfte er fast nie mit seinem Eigentum spielen. Als er eines Nachmittags zur Strafe reglos neben seiner Anlage in seiner Ecke stand, trat FrĂ€ulein Schr., die Hilfsschwester, in den Raum. Als sie die TĂŒr mit wuchtiger ErschĂŒtterung ins Schloss hinter sich fallen lies, glitt die Holzplatte hinter dem RĂŒcken von Tobias mit lautem Knall zu Boden. Außer mir hatte keiner die Szene gesehen, weil sie sich jeweils hinter deren RĂŒcken ereignete. FrĂ€ulein Schr. flippte ob der jetzt ja „erwiesenen, abgrundtiefen Bosheit des Tobias“ aus. Ihre HĂ€nde ließ sie mit lautem GebrĂŒll und geifernd vor Wut auf Gesicht und RĂŒcken des weinenden, Unschuld beteuernden Jungen tanzen.

 Als Zeuge seiner Unschuld geriet ich auch in ihre Wuttiraden, weil ich versuchte, ihn ins rechte Licht zu rĂŒcken. Ohne großes Nachdenken sprang mir das MissverhĂ€ltnis zwischen vorbildhafter, gepredigter und gelebter, praktischer Gottesfurcht ins Gesicht. Mit dem von uns geforderten Nachleben brach ich nun jĂ€h, wenn auch nur insgeheim, wegen der gefĂŒrchteten Verfolgung bis zum JĂŒngsten Tag. Mit Rolf Anheier wollte ich eine neue Sekte grĂŒnden, die sich auf indianische und kommunistische Werte grĂŒnden sollte. Ein unumstĂ¶ĂŸliches Rechtsempfinden entwickelte ich seither. Das ist mir bisher erhalten geblieben, wenn ich mir auch nicht immer Freunde damit eingehandelt habe. Seit meiner VolljĂ€hrigkeit bin ich aus der Kirche ausgetreten. Heute nĂ€here ich mich der buddhistischen Weltanschauung.  

 

ISOLATION UND DUNKELHAFT WAREN DER ALLTAG

 Wer wagte es noch, die Zeit vom Schulschluss um 12.00 Uhr bis zum Beginn des Mittagessens, ebenfalls um 12.00 Uhr, auf dem drei Meter breiten Flur zu vertrödeln. Nein, die Möglichkeit, bei diesen drei Schritten einmal mit einem MĂ€dchen zu sprechen, bot sich nicht. Auch ihnen war das Sprechverbot auferlegt worden und auch sie hatten Angst vor Bestrafung oder Missbilligung durch die Schwestern. Selbst beim seltenen Freigang auf dem Hinterhof waren das blitzende Auge und die scharfe Zunge der Schwestern allgegenwĂ€rtig.

 PĂŒnktlich um 17.00 Uhr wurde das Abendessen eingenommen. Gelegentlich prosteten wir uns heimlich mit unseren Blechtassen zu. Die Eintönigkeit des Essens war mir nicht stets bewusst, aber an unseren rohen Tischen trĂ€umten wir von Speisen, die wir aus ErzĂ€hlungen oder aus unserem frĂŒheren Leben kannten.

 Die „Einpacker“ (Kinder mit behinderungsbedingter Inkontinenz wurden lauthals von den Schwestern so genannt) kamen sofort hoch aufs Schlafzimmer. Ein GlĂŒck jenem, der dem Strafgericht der Schwestern entgangen war. Ängstlich schlichen wir uns an dem unbeleuchteten Abstellraum gegenĂŒber dem Waschraum vorbei, in dem oft Klaus hilflos abgestellt war. Er war nicht der einzige, der an Hospitalismus litt. Hatte er wieder im Schlaf mit dem Kopf gewackelt oder nachts das Bett nass gemacht? Oft schon beim FrĂŒhstĂŒck wurde er vor den anderen Kindern verspottet. Lieber nicht fragen, lieber nichts wissen, wie leicht könnte sich daraus eine Schuld oder Mitschuld ergeben; das wĂŒrde ja zwangslĂ€ufig eine Strafe oder eine Strafpredigt zur Folge haben. Die Lehrerinnen zĂŒchtigten ganz selbstverstĂ€ndlich und offen tĂ€glich mit SchlĂ€gen, voran FrĂ€ulein St. Die Methode der Schwestern war diffiziler, sie erzeugten psychischen Druck, dem wir Kindern nicht ausweichen und nicht standhalten konnten. Offenbar hatte die mannhafte Gegenwehr von Bernd, dem muskelbepackten Großmaul, seinerzeit ihre Schlagkraft entkrĂ€ftet und eine viel effizientere, fĂŒr uns Kinder jedoch schmerzhaftere Form der ZĂŒchtigung herbeigefĂŒhrt.

 

UNTER WEISSEN SEGELN AUFS WELTENMEER

 Auch wir hatten nach dem ZĂ€hneputzen um 18.00 Uhr in den Betten zu liegen. PĂŒnktlich ging dann das Licht aus und der Tag war zu Ende. An den sommerhellen Abenden, oft war es noch bis 23.00 Uhr hell, hatten wir im „Großen Zimmer“ den Blick auf den nahen Harkortsee ĂŒber das Dach des Hauses, in dem Pastor V. und Dr. X. wohnten. WĂ€hrend dieser Zeit saß ich mit meinem Freund Rolf Anhaier oft verbotener Weise am Fenster des Schlafsaales und wir trĂ€umten von verwegenen Abenteuern. In der Ferne glĂ€nzte der Harkortsee. Die kleinen Ruderboote regten uns zu TrĂ€umen ĂŒber Flucht und Freiheit an. Ich ertrĂ€umte mir die Fahrt in einem Nachen. Ein Diebstahl wĂŒrde hoffentlich unentdeckt bleiben. Er wĂŒrde mich die Ruhr hinuntertragen und ĂŒber den Rhein in eine große Hafenstadt bringen. Dort wĂŒrde ich mich als blinder Passagier unter der Persenning eines Rettungsbootes verstecken. Nachdem wir den Hafen verlassen hĂ€tten und Richtung Amerika, Afrika oder Indien unterwegs wĂ€ren, hĂ€tte ich mich dem KapitĂ€n als Bootsjunge vorgestellt und wĂ€re sicher dann als tĂŒchtiger Seemann auf den Weltmeeren zu Hause. Unserem jetzigen Schicksal wĂ€ren wir mit Freuden entronnen und sĂ€hen glorreichen Abenteuern entgegen. Tom Sawyer und Huckleberry Finn waren damals unsere Vorbilder. 

 

DAS HUSARENSTÜCK

 Eines Tages durfte Rolf Anhaier vom „Kleinen-Zimmer“ ins „Große-Zimmer“ umziehen. War es die gute FĂŒhrung oder das Jahr, um welches er Ă€lter geworden war? Egal, wir waren endlich Bett an Bett und konnten uns bis in die Nachtstunden unterhalten. Wir waren seit langem die Ältesten in der Klasse und unzertrennliche Freunde. Wir schmiedeten PlĂ€ne und tauschten unsere Empfindungen und Erfahrungen ĂŒber alles aus, was so ein Jungenherz in der PubertĂ€t bewegt.

 Hannelore war die AuserwĂ€hlte von Rolf. Mich hatten die TrĂ€nen von Gertrud gerĂŒhrt, als ich sie engelsgleich im Windfang des Hofeingangs entdeckte. Steif und kein Wort redend stand sie vor mir. Ich ahnte damals nicht, was mit ihr geschehen war. Erst heute hat sie mir gestanden, wie sie aus dem allgemeinen, öffentlichen, gesellschaftlichen Leben eines jungen MĂ€dchens mit Elvis-TrĂ€umen in die Zwangssituation dieser isolierten KinderverwahrstĂ€tte gesteckt worden war.

 Damals wollten wir das Sprechverbot mit den MĂ€dchen ĂŒberwinden und so beschlossen wir, in der Nacht heimlich auf die MĂ€dchenstation zu schleichen. Rolf hatte schon den ungefĂ€hren Weg auskundschaftet. Mit den quietschenden und klappernden Gelenken unserer Beinorthesen hĂ€tten wir zu viel LĂ€rm gemacht. So lief ich auf nackten FĂŒĂŸen und Rolf lief auf den HĂ€nden im Handstand (der geneigte Leser hat sicherlich den Handstand-Lauf des Teilnehmers der letzten Olympiade beobachtet). Mit einem Schlag waren alle MĂ€dchen hellwach und kicherten und tuschelten. In der Dunkelheit war es nicht so leicht, die AuserwĂ€hlte im MĂ€dchensaal zu finden. Auf der Bettkante blieb uns vor Aufregung und Verlegenheit bei der körperlichen NĂ€he das Wort im Halse stecken. Alles war geplant, nur was wir sagen wollten hatten wir uns nicht ĂŒberlegt. Das Herz klopfte bis zum Halse und der RĂŒckweg an den Schwesterzimmern entlang lag noch vor uns. Das MeisterstĂŒck war uns geglĂŒckt. Am nĂ€chsten Morgen blieben uns noch Sekunden, um zu hören, dass die Schwester der MĂ€dchen zwar GerĂ€usche gehört habe, jedoch mit dem Hinweis auf den Gang zur Toilette eines unbeholfenen MĂ€dchens beruhigt worden war. Der Kelch war an uns vorĂŒber gegangen. 

 

FLUCHT VON ROLF ANHEIER UND AXEL HAGER

 Mit diesen TrĂ€umereien im Kopf entwickelte sich in uns ein Fluchtplan, den ich mit Rolf schmiedete und ausschmĂŒckte. An einem Regenabend, es darf schon November gewesen sein, schritten wir zur Tat. Ein BĂŒndel wurde geschnĂŒrt und leise kleideten wir uns an. Bei dieser Gelegenheit erkannte ich die Tragweite und Gefahr unserer verbotenen Flucht,  - ich kniff. BehĂ€nde sprang Axel Hager an meiner Stelle ein und in traumwandlerischer, zwanghafter Dynamik gelang es ihnen, unbemerkt das große Haus zu verlassen. Nach kurzer Zeit plagten mich Gewissensbisse, dass ich sie ohne Verpflegung und Regenschutz hatte gehen lassen. Am nĂ€chsten Morgen, nach der entdeckten Flucht, drohte mir bestimmt die rohe Gewalt der Schwestern. Mit Zögern und wankendem Mut schlich ich noch am Abend zum Zimmer von Schwester Jenny und verpfiff meine Freunde. Die Angst vor den Schwestern und dem strafenden Arzt wechselte mit der Furcht vor der Missachtung meiner Freunde und dem Verlust ihrer Freundschaft.

 Noch am gleichen Abend brachte die Polizei, kaum zwei Stunden spĂ€ter, Rolf und Axel mĂŒde und durchnĂ€sst bis auf die Haut wieder ins Haus. Die Strafversetzung zurĂŒck ins ungeliebte Zimmer der Kleinen war fĂŒr Rolf wegen seines schon ellenlangen Strafregisters schon ausgesprochen und drĂŒckte stĂ€rker auf unsere Moral, als die verunglĂŒckte Flucht in die Freiheit. 

 

DEM TOD INS AUGE GEBLICKT

 Diese und noch weitere, Ă€hnlich frustrierende Erlebnisse mögen unsere Stimmung und Gedanken in eine melancholische und depressive Richtung gefĂŒhrt haben. So sprachen wir an den langen Abenden oft darĂŒber, was wĂ€re wenn, was wir tĂ€ten wenn wir könnten, was geschĂ€he, wenn wir nur wollten, oder warum alles so traurig ist, wie es ist. Besonders Gustav und Axel Hager steigerten sich in Gedanken um den Tod hinein. Bei Axel gipfelte es darin, dass er sich eines Abends in sein Bett stellte und an der Zimmerdecke mit der Hand an dem Heizungsrohr herumfummelte. Er demonstrierte, welchen Knoten er knĂŒpfen wĂŒrde. Es war natĂŒrlich der Henkerknoten. Zum GlĂŒck war Gustav viel zu faul, um im Bett zu stehen und sich einen Knoten zu binden. Er hĂ€tte sich bestenfalls einen Knoten binden lassen und mit dem reichlich vorhandenen Taschengeld seines Vaters bezahlt. Als gutbetuchter Gastwirt steckte dieser ihm, und eventuell auch den Schwestern, sicherlich ein gutes SalĂ€r zu. Dem Gustav wurde jedenfalls auf wundersame Weise nie ein HĂ€rchen gekrĂŒmmt oder ein missbilligendes Wort gesagt.

 Mich beschlich die Angst um den Tod und den Verlust des lieben Freundes. Mit Fleiß, aber noch ohne Können, redete ich ihm den Suizidversuch aus. Oder verließen ihn der Mut und der Schneid, den er stets zeigte? Zu unserem GlĂŒck erfuhren die Schwestern nie von diesem Ereignis, erlösen mussten wir uns selbst. 

 

DER RICHTER IN WEISS; Visite Dr. X.

 War es jede Woche oder jeden Monat, dass die Visite vom kleinwĂŒchsigen Oberarzt Dr. X. anstand? Er war die strafende Vatergestalt, mit der die Schwestern uns stets drohten und der bei herannahendem Termin zum Goliat mit flammendem Schwert heranwuchs.

 Der Speisesaal wurde zum Richtplatz. Der Richter in Weiß, flankiert von den Schwestern, hörte sich die Untaten eines jeden von uns an.

 Welcher Tat wurde ich bezichtigt? Einen beliebten Zeitvertreib nachahmend hatte auch ich eines Tages meinem Tischnachbarn den Stuhl unter dem Hintern hinweg gezogen, als er sich zur Mittagszeit hinsetzen wollte. NatĂŒrlich hatte er sich verletzt und mörderisch geschrieen. Dies trugen die Schwestern nun triumphierend vor.

 Mit böser Miene wurde ich vor den Richter zitiert. Nach bangem Schweigen wurde mein Urteil gefĂ€llt. Mit meinem eigenen KrĂŒckstock wurde mir der Hintern so lange versohlt, bis der Gummistopfen am unteren Ende des Stockes sich durch die Wucht löste. Jetzt ließ er von mir ab und von nun an hatten die Schwestern bei jeder Gelegenheit das probate Druckmittel, um mich stets nach ihrem Willen gefĂŒgig zu lenken.

 Die Liebe eines Vaters nach einer rechten Tracht PrĂŒgel wurde uns leider nicht zuteil.

 Mit der Zeit entstand ein Druck der Ungewissheit. Allein durch die maßgebliche Aussage der Schwestern, eine Untat begangen zu haben, stellten sich bei mir und meinen MitschĂŒlern Unsicherheit und Angst ein. Beim Herannahen oder bloßer Beobachtung durch unsere Aufsicht, von der Putzfrau ĂŒber die Schwestern und Lehrerinnen bis zum Pastor, Ă€nderten sich abrupt unser Verhalten und somit langfristig auch zumindest meine psychische Verfassung. 

 

MITLEID UND ANTEILNAHME KANNTEN WIR NICHT, ES WURDE NICHT GELIEBT

 In unserer Lebenssituation war lediglich die Grundversorgung sicher gestellt. FĂŒr unsere WĂŒnsche nach Spielzeug, Anteilnahme und Lebensfreude gab es keinen Raum.

 War es die Lebenssituation, die die Schwestern ja mit uns teilen mussten, oder waren es möglicherweise die schlimmen Erfahrungen, welche sie auf ihrer Flucht aus Ostpreußen gemacht hatten, die sie so gefĂŒhlskalt machten? Wir waren das Objekt ihrer ungeliebten TĂ€tigkeit. Mit Bitterkeit erkenne ich heute, wie uns allen ein QuĂ€ntchen Mitleid, Liebe und Anerkennung von den Schwestern gefehlt hat.

 Mitleid ist selbst bei Tieren ein gĂ€ngiges und selbstverstĂ€ndliches Verhalten.

 (In einer Fernsehsendung bei Arte, am 19.08.06, 20.00 Uhr: „Kunst und Mythos“, wurde ausfĂŒhrlich darĂŒber berichtet, wie in der Mongolei Kamelstuten dazu bewegt werden, neben ihrem eigenen auch verwaiste Fohlen trinken zu lassen. GeĂŒbte Frauen oder Spieler der Pferdegeige gingen nahe an die Stute heran und sangen bzw. spielten getragene Weisen in immerwĂ€hrendem Gleichklang. In frappierender Dokumentation wurde dargestellt, wie aus beiden Augen einer Stute TrĂ€nen flossen und ein verwaistes Fohlen an der mitleidsvollen Stute trinken durfte.)

 Wenn Vorbilder fĂŒr Erkenntnisse und Lernerfolge wichtig sind, dann hatten wir keine oder die falschen Vorbilder. Gute Freunde, die meine Sozialisation kennen, sagen mir gelegentlich: „Ja, du bist hart, weil du die HĂ€rte im Kampf ums Überleben im Heim brauchtest.“ Mit einem stummen Nicken stimme ich ihnen jetzt in ihrer Bemerkung zu. Auch ich muss mich dieser bitteren Erkenntnis anschließen. Mehr und mehr erkenne ich Verhaltensweisen, mit denen ich bei meinen Zeitgenossen auf UnverstĂ€ndnis, Unwillen oder Ablehnung stoße. Nur allmĂ€hlich finde ich seit einigen Jahren den Zugang zu den Wurzeln meiner Andersartigkeit.  

 

KONZENTRATIONSSCHWÄCHE

OBERFLÄCHLICHKEIT

FLATTERHAFTIGKEIT

UNZUFRIEDENHEIT

UNSICHERHEIT

 

Die hĂ€ufigen Aufforderungen zu diesem oder jenem, die Ermahnungen in diese oder jene Richtung, fĂŒhrten bei mir zu zunehmender Unsicherheit. Heute so, morgen so. Eine einmal eingeschlagene Richtung in Denken und Handeln wurde stets at absurdum gefĂŒhrt. Nie wurde meine Handlung gebilligt, anerkannt oder gar bewundert. Stets wurde ich niedergemacht, verhöhnt, belĂ€chelt. Eigene Entscheidungen galten nichts.

 KonzentrationsschwĂ€che, OberflĂ€chlichkeit in der AusĂŒbung von Handgriffen, Flatterhaftigkeit bei Anspannung wurden die MĂ€ngel, die ich selbst erkannte. Ich war unzufrieden mit mir.

 Wenn ich heute mit 65 Jahren auf meine Entwicklung zurĂŒckschaue, muss ich mit Bitterkeit und Bedauern erkennen, dass mir viele Erkenntnisse und FĂ€higkeiten erst sehr spĂ€t, wenn ĂŒberhaupt, zuteil geworden sind. Als alter Mann mit 50 Jahren begann ich erst allmĂ€hlich mit dem nötigen Selbstbewusstsein ohne innere Angst zu leben. Ich erlernte die Kraft des positiven Denkens. Jahrzehnte meines frĂŒheren Erwachsenenlebens plagte mich die Demut vor Vorgesetzten oder der Obrigkeit. Die gelegentliche AufmĂŒpfigkeit gegen erlittenes Unrecht konnte ich nicht einordnen und in geordnete Bahnen der Entschuldigung oder in die Erlangung meines guten Rechts einmĂŒnden lassen. Meine Entscheidungen wurden durch die erzwungenen Verhaltensweisen in jener Kindheit bestimmt. Ach hĂ€tte ich doch die richtigen Verhaltensweisen erlernt.  

 

VERLORENE, NEIN GESTOHLENE JAHRE DER KINDHEIT 

 Eine Wiedergutmachung ist heute, nach so langer Zeit, wohl kaum möglich. Die von der ESV angebotene psychologische Beratung ist in meinem Fall bestimmt angezeigt. Meine Therapie wĂŒrde sicherlich Jahre dauern. WĂ€re ich dann noch ich selbst? Ist mir noch zu helfen?

 Die erlitten SchĂ€den aufzuzeigen, aufzulisten und richtig zu benennen, ist mir in dem vorliegenden Bericht schon nicht gelungen. Ein Großteil der SchĂ€den ist keineswegs mehr zu Beheben. Ich muss damit leben. So weis ich, dass bei der Korrektur meines X-Beins das Ergebnis ein O-Bein ist. Das Risiko einer erneuten Operation wĂŒrde ich selbstverstĂ€ndlich nicht mehr eingehen.

 Anlass fĂŒr die hier vorgelegte Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit ist das Ärgernis ĂŒber die anhaltende Verweigerung einer Entschuldigung der ESV als Nachfolgeorganisation der Ehemaligen OrthopĂ€dischen Anstalten bzw. KrĂŒppelanstalten, wie die ursprĂŒnglichen Bezeichnungen lauteten. Eine Anerkennung und öffentliche Entschuldigung fĂŒr die erlitten Schmach, Ehrbeschneidung, körperliche ZĂŒchtigung. Anerkennung und Entschuldigung fĂŒr die nicht kindgerechte und nicht behindertengerechte Unterbringung, Versorgung, Beschulung, Beaufsichtigung, Förderung durch unfĂ€higes unausgebildetes Personal. Anerkennung und Entschuldigung fĂŒr unberechtigte und unaufrichtige Indoktrination mit religiösen und gesellschaftsfremden Geistesinhalten und verklemmter Sexualmoral. Noch immer werden die GrĂ€ueltaten wie Isolationshaft, ZwangsernĂ€hrung, Folter in den verschiedensten Formen und MĂ€ngel an allen Fronten einer regulĂ€ren Betreuung von behinderten Kindern mit dem Zeitgeist der Nachkriegsjahre und der damit verbundenen Mangelsituation abgetan. Der Kirchenneubau jener Zeit offenbart die tatsĂ€chliche Finanzsituation und stellt die Behauptung ĂŒber eine damals arme und schwierige Zeit ad absurdum.

 Die heutige Nachfolgeorganisation ESV ist offensichtlich nicht in der Lage, die SelbsthilfebemĂŒhungen der ehemaligen Betroffenen wirkungsvoll und bedarfsorientiert  zu unterstĂŒtzen und sitzt die Auskunftspflicht gemĂ€ĂŸ SGB VII § 67, SGB X § 83 aus. Mit Einladungen zum Kaffeenachmittag versucht sie, den Erfordernissen genĂŒge zu tun. Ihre Einlassungen und Handlungen gehen nur so weit, wie sie dazu gedrĂ€ngt wird. 

 

Frankfurt im August 2007

 © Copyright, August 07 by Horst Moretto, Frankfurt

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Verfasser: Horst Moretto, Oeder Weg 58, 60318 Frankfurt; morettohorst@yahoo.de