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Erinnerungen JH

Ihre Faust landete im Gesicht des Kleinen. Noch einmal. Noch einmal. Dann wurde er still. Der, der soeben noch so massiv Grausamkeiten erlitten hatte, konnte nun nichts mehr Ă€ußern. Er war bewußtlos.

Teufel im Talar

"Du Teuuufel! Teufel! Du elender Teufel!", schrie die kleine Kinderseele sie
an. Der Junge konnte sich nicht mehr halten, es mußte raus: "Du Satan!" Er
brĂŒllte mit allen KrĂ€ften, die seine schwĂ€chlichen Atemmuskeln produ-
zierten. Schwester J. schlug erbarmungslos zu. Ihre Hand knallte voll
ins Gesicht des kleinen Jungen, der sie - ohnmÀchtig vor Schmerz, voller
Haß und Wut - anschrie: "Schlag mich doch kaputt, Du Hexe!" Schwester
J. geriet außer sich. Sie ballte ihre rechte Hand zu einer Faust. "Ich
werde Dir das freche Mundwerk stopfen, Du kleines Biest." Ihre Faust lan-
dete im Gesicht des Kleinen. Noch einmal. Noch einmal. Dann wurde er
still. Der, der soeben noch so massiv Grausamkeiten erlitten hatte, konnte
nun nichts mehr Ă€ußern. Er war bewußtlos. Schwester J. schlug
solange mit geballter Faust in sein zerschundenes Gesicht, bis sie seine
Besinnungslosigkeit merkte.

Nach einiger Zeit kam er zu sich. Brennende Schmerzen durchzuckten sei-
nen gesamten Körper. Zuerst ertastete er eine Schleimkruste unter seiner
Nase. Ihm wurde wieder bewußt, daß Schwester J. ihn geschlagen
hatte. Dann spĂŒrte er wieder diese brennenden Schmerzen am GesĂ€ĂŸ. Seine
linke Hand tastete unter die Decke: Im Po steckten unzÀhlige Splitter. Jetzt
kam die Erinnerung klar zurĂŒck. Er war hingefallen, nachdem er stunden-
lang im Etagenflur stehen mußte, 3 oder 4 Stunden in einer Ecke, im Luft-
durchzug. Langsam versagten die KrÀfte. Er sackte zu Boden. J. zerrte
ihn an einem Fuß in Richtung seines Zimmers. Das Nachthemdchen blieb
am Holzboden hĂ€ngen. Einen SchlĂŒpfer durfte er nie tragen. Der Po
scheuerte ĂŒber den Boden. Stechende Schmerzen peinigten ihn immer dann,
wenn sich ein Holzsplitter in die Haut bohrte und dann endlich abbrach.
Wieder ein Stich. "Aua! Aua! Aua! Auaaaaa!" Er weinte und schrie. Doch J.. kannte kein Erbarmen. Der Flur war lang und dem Jungen das
Nachthemd lÀngst vom Körper gerissen.

Splitternackt wurde er Meter um Meter gezogen. Der Fußboden war uralt
und abgewetzt. Lack war auf den Planken kaum noch sichtbar. Die Grund-
farbe braun ließ sich nur noch erahnen. Jetzt verspĂŒrte er einen stechenden
Schmerz im Hinterkopf. Ein Splitter hatte sich durch sein Haar gegraben
und blieb im Kopf hĂ€ngen. J. war an der ZimmertĂŒr angelangt. In den
SchlafrĂ€umen lag Linoleum. Die KĂ€lte des glatten Bodens kĂŒhlte seinen
brennenden Körper. Es war eine Wohltat. Plötzlich umklammerte J.
seine beiden Beine und schleuderte den Jungen auf das Bett. Er knallte mit
dem Kopf gegen die Wand. Wut brannte in ihm auf. "Ich muß ja doch ster-
ben", sagte er sich und dann schrie er sie an: "Du elender Teufel!" Er
schÀmte sich. Alle Leute hatten ihn nackt gesehen. Doch was vorher
geschah, war weitaus schlimmer. Es gab viele Zeugen. Einige Jungen,
Schwester I. und die Diakonische Helferin:

Es war ein kalter Tag. Badetag. Schwester I.badete ihn. Nach der
Grundreinigung nahm J. ihn auf den Arm, trug ihn in sein Zimmer
und stellte ihn auf seine dĂŒnnen FĂŒĂŸe. Sie nahm das Handtuch und trocknete
ihn ab. Vorne, hinten, oben, unten. Dort unten hielt sie sich
ungewöhnlich lange auf. Sie rubbelte ihm die Haut rot. "Was machst Du
denn da, Du Schwein?"J. wurde rot vor Wut. "Du altes Ferkel!" Er
begriff gar nicht, warum sie nun mit ihm schimpfte. Gut, bei dem vielen
Abfrottieren war ihm ganz merkwĂŒrdig zumute und sein Pillermann wurde
immer lĂ€nger. Aber daß das bösartig ist, begriff er erst jetzt. "Daß Du so ein
Schwein bist, Du Ferkel!" J. verschlang das Handtuch zu einem
Knoten am unteren Ende. Das andere Ende ergriff sie mit fester Hand. Mit
Wucht schlug sie den Knoten in den Unterleib des Jungen. Immer wieder
auf das kleine Glied, das lÀngst nicht mehr diese Wohltat des Abtrocknens
erfuhr. Dann sackte der Kleine hin. J. riß ihn vom Boden, zog ihm mit
Gewalt das Nachhemd an. Wieder brach er zusammen.

J.. schlug ihm rechts und links um die Ohren. Sie riß ihn in die Höhe.
"Jetzt stellst Du dich in die Ecke, bis ich Dich rufe, und wehe Dir!" So stand
er nun am Treppenhaus, Stunde um Stunde. "Bist Du ungezogen gewesen?",
fragte Schwester Elf. die "Hausmutter". Sie betrat durchs Treppenhaus
unsere Station. "Ich will jetzt immer ganz lieb sein", sagte der kleine Mann,
der gar nicht wußte, warum er nun regungslos in der Ecke stehen sollte.
Unter ihm hörte er den Pastor, den Anstaltsleiter, der auf der Frauenstation
wohl eine Andacht hielt. Sollte er ihn rufen? Die Angst vor den SchlÀgen
der J. war zu gigantisch. AllmĂ€hlich wurden seine Beine mĂŒder. Er,
der von Geburt an wenig Beinmuskulatur aufwies, vergeudete seine letzten
KrÀfte in der Ecke. Dann krachte er ineinander, der Körper prallte auf die
FĂŒĂŸe. "Aua, ich bin gefallen!" J. wurde aus dem Bad gerufen. "Jetzt
geht's ins Bett und ich will kein Mukschen mehr von Dir hören!" Nun riß sie
ihn ĂŒber den Holzflur.

"NatĂŒrlich habe ich ihn schreien gehört", erzĂ€hlte mir Herta Jahre spĂ€ter,
"das ganze Haus muß etwas gehört haben. Alle haben es gehört. Ich saß ja in
der NĂ€hstube und als der Junge schrie, kam ich vor die TĂŒr". Sie erzĂ€hlte,
daß Schwester E. von der MĂ€dchenstation angerannt kam und sie fragte: "Was ist
denn los?" "Na, gehen Sie mal zu den Jungen, der Willi weint so". "Dann
wird er wohl wieder frech gewesen sein", meinte E. und machte sich auf
zur Jungenstation.
"Auch der Pastor hat das gehört", berichtete Herta, "die Andacht fand ja
immer im Flur statt und mir hat die Stationsschwester von der Frauenstation
gesagt, man hÀtte sogar gehört, wie der Junge mit der Elf. gesprochen
hat." WĂ€hrend also der Pastor und Anstaltsleiter eine Etage tiefer fromme
Gebete sprach, man ein Loblied auf den Gekreuzigten anstimmte, nahm er
die Mißhandlung eines Kindes im gleichen Haus nicht zur Kenntnis. Er muß
die Schreie vernommen haben.

Nur eine niedertrÀchtige Alte verleugnete ihr fabelhaftes Gehör nicht.
G. St., die Lehrerin. Sie nahm an der Hausandacht teil. Danach
richtete sie sich mĂŒhsam auf. Es dauerte immer etwas, bis sie ihr
Stahlkorsett so hochgestemmt hatte, daß sie sich am Stock fortbewegen
konnte. Hiernach bestieg sie den Aufzug und fuhr ein Stockwerk höher.
JĂ€hes Entsetzen hetzte den kleinen Mann. "Will mich die St. auch
noch mit dem Stock schlagen?", schoß es durch seinen verwirrten Kopf.
"Was hab' ich denn getan!", jammerte er in sich hinein. St. Schritte
erkannte er allezeit. Ganz langsam setzte sie Bein vor Bein. Die schweren
Tritte wurden fĂŒhlbar lauter. Der Holzboden knarrte und trug die Trittwellen
ins Kinderzimmer weiter. JĂ€h wurde seine ZimmertĂŒr aufgerissen. St.
trat an sein Bett, in ihrem Gefolge des Teufels General, J.. Zum ersten
Mal in seinem jungen, alten und endlosen Leben blickte er in Augen, die tot
schienen. Eiskalt und ohne jede Regung im Gesicht starrte St.ihn an.
Er fror. Vor Angst wie gelĂ€hmt wartete er darauf, daß sie ihren Gehstock
hebt, um ihm den StĂŒtzbogen ĂŒber den Kopf zu schlagen. So, wie sie es
tĂ€glich tat. An manchen Tagen wußte er nicht, wer von den beiden nun der
Teufel war und so dachte er, es gÀbe mehrere von der Sorte, wie ihn die
Bibel beschreibt.

Sie wandte sich zu J. "Morgen wird er nicht kommen", meinte
J. "Daß Du mir die Schöpfungsgeschichte ĂŒbermorgen auswendig
kannst! Ich hör' Dich als ersten ab". Gott sei Dank; sie hatte ihn nicht
geschlagen. Er nahm sich fest vor, die Schöpfungsgeschichte fleißig zu
lernen.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wĂŒst und
leer. Und Finsternis lag ĂŒber der Erde und der Geist Gottes schwebte ĂŒber
ihr. Und Gott sprach: "Es werde Licht". Und es ward Licht. Da schied
Gott das Licht von der Finsternis und so wurde ein Abend und ein
Morgen. Und Gott sah, daß es gut war.

Heute muß er doch noch einmal nachschauen, ob diese ersten Zeilen fehler-
los in seinem GedÀchtnis haften geblieben sind. . Ob er trotz der SchlÀge auf
den SchĂ€del, auf die Stirn, ins Gesicht, auf das rechte Ohr, daß nun fast taub
ist, auf das Kinn, das eine Narbe aufweist, noch alles behalten hat.

15 Jahre spÀter sah der Geschundene seinen Anstaltsleiter wieder. "Ich bin
von Gott schwer geprĂŒft worden", jammerte dieser: "ich mußte ins Kran-
kenhaus zu einer schweren Operation und ich fragte Gott, ob ich diese Ope-
ration ĂŒberstehe. Gott hat meine Gebete erhört und ich kann genesen." Es
gehe ihm nicht sehr gut, aber es werde wieder. Und der behinderte Mann
ĂŒberlegte, ob er ihn fragen sollte: "Hast Du meine Schreie nicht gehört, als
Du da unten die Betstunde hieltest?" Er ĂŒberlegte, ob er ihm von den Gebe-
ten der Kinder erzÀhlen sollte: "Ich bin klein, mein Herz ist rein. Soll
niemand drin wohnen, als Jesu allein". Aber auch: "Lieber Gott, mach' die
St. endlich tot!" Oder, sollte er von dem Gebet des kleinen MĂ€dchens
berichten: "Lieber Gott, ich hasse Dich, weil Du so gemein zu mir bist." Die
Ehrfurcht vor dem Alter des klagenden Jammerlappens, der ihm da mitleid-
heischend gegenĂŒberstand, hielt ihn ab von einer Konfrontation mit seiner
Vergangenheit.

Der Anstaltsleiter starb einen freundlichen Tod. Es muß so gewesen sein, als
ob sein Schöpfer ihn noch einmal herzlich an die Brust preßte: plötzlich
blieb ihm die Luft weg und er sackte zur Seite.

Da ist der Tod eines Jungen, der verblutete. Immer wieder erbrach er Blut.
Er war Bluter. Sein gesamtes Bett wurde ĂŒber und ĂŒber rot von all dem Blut.
So viel Blut hatte ich nie gesehen. Endlich kam J. und etwa eine halbe
Stunde spÀter der Arzt, um den kreidebleichen Jungen zu untersuchen. Und
wir sahen ihn nie wieder.
 

Ähnlichkeiten mit der Unterbringung im St. Johannesstift in Marsberg, einer "Anstalt fĂŒr geisteskranke und geistesschwache Kinder":
"Die Unterbringung im Heim war Ă€ußerst beengt. Den Kindern stand nur ein Nachttisch und das eigene Bett zur VerfĂŒgung. Und auch die SĂ€le waren eng an eng mit Betten belegt. Die Kinder hatten keine Bewegungsfreiheit, keinen privaten Raum, in den sie sich zurĂŒckziehen konnten. Sie hockten wirklich wie ein Stall voller HĂŒhner aufeinander, und dadurch wurden natĂŒrlich Aggressionen ausgelöst. Die Unterbringung entsprach nicht der damaligen Zeit. Durch die Beengung im Heim konnten sich die Kinder nicht frei entfalten, sie standen dauernd unter Aufsicht, von morgens bis zum spĂ€ten Abend. Es gab zwar auch gefĂŒhrte SpaziergĂ€nge, ein- oder zweimal in der Woche, aber letztendlich waren die Kinder immer unter Aufsicht."
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oben: abgewetzter Holzboden auf der Kinderetage

Ausschnitt eines Zimmers (Jungenstation JHH  etwa 1964) Großaufnahme: hier klicken

Aus tiefer Not schrei’ ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen;
Dein’ gnĂ€dig’ Ohren kehr zu mir
Und meiner Bitt sie öffnen!
Denn so du willst das sehen an,
Was SĂŒnd’ und Unrecht ist getan,
Wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Bei dir gilt nichts denn Gnad’ und Gunst,
Die SĂŒnde zu vergeben;
Es ist doch unser Tun umsonst
Auch in dem besten Leben.
Vor dir Niemand sich rĂŒhmen kann,
Des muss dich fĂŒrchten Jedermann
Und deiner Gnade leben.

Darum auf Gott will hoffen ich,
Auf mein Verdienst nicht bauen;
Auf ihn mein Herz soll lassen sich
Und seiner GĂŒte trauen,
Die mir zusagt sein wertes Wort,
Das ist mein Trost und treuer Hort,
Des will ich allzeit harren.

Und ob es wÀhrt bis in die Nacht
Und wieder an den Morgen,
Doch soll mein Herz an Gottes Macht
Verzweifeln nicht noch sorgen.
So tu’ Israel rechter Art,
Der aus dem Geist erzeuget ward
Und seines Gott’s erharre.

Ob bei uns ist der SĂŒnden viel,
Bei Gott ist viel mehr Gnaden,
Sein’ Hand zu helfen hat kein Ziel,
Wie gross auch sei der Schaden.
Er ist allein der gute Hirt,
Der Israel erlösen wird
Aus seinen SĂŒnden allen.

Dieses Kirchenlied wurde wĂ€hrend der Mißhandlung eine Etage tiefer, auf der Frauenstation, gesungen. Bei Klick hier die Melodie als Midi-Datei.

Geburtstag

Heute feiert Dr. X. Y. seinen 75. Geburtstag. Nach seinem Abschied aus einem Krankenhaus einer Einrichtung fĂŒr Körperbehinderte wurde er Teilzeit-Rentner. Er hilft seinem Sohn in der Praxis und seine Kunden sollen begeistert sein. Das war nicht immer so, zumindest nicht in dem Krankenhaus, in dem er zunĂ€chst Oberarzt, dann Chefarzt wurde.

Zwei Erlebnisse bleiben unvergeßlich. In den 60er Jahren schrien die Kinder unter seinen SchlĂ€gen. Besonders Klaus hatte regelmĂ€ĂŸig unter ihm zu leiden. Einmal wöchentlich kam X. Y. zur Visite auf die Kinderstation. Schwester Eugenie nutzte die Gunst der Stunde und seine gewaltigen WutausbrĂŒche, ihm zuzustecken, daß Klaus nachts wieder einmal mit dem Kopf gewackelt habe. Dies wollte X. Y. ihm selbstverstĂ€ndlich schleunigst austreiben. So schlug er ihn mit jenem Stock, der die Gehbehinderung des Kindes ausgleichen sollte, in schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit zusammen. Er, der Schmerzen lindern und Krankheiten heilen sollte, peinigte kleine Jungen und MĂ€dchen, denen Krankheit und Schmerzen in die Wiege gelegt waren.

In KĂŒrze wird X. Y. vor seinen Schöpfer treten. Ob er dann auf seine SchlĂ€gerzeit angesprochen wird? Ob ihn sein Heiland fragt: Kain, wo ist Dein Bruder Abel? Mehr noch möchte ich wissen, ob ihn heute, mitten im Endstadium seines Lebens, die Schreie der Kinder quĂ€len, sie ihn gelegentlich nachts verfolgen? Oder ob er seinem Gewissen schon nach den Mißhandlungen Absolution erteilt und diese Taten aus seinem GedĂ€chtnis gestrichen hat.

Zahlreiche Legenden reihen sich um ihn, angereichert mit weiteren Greueltaten aus seiner Zeit als Medizinmann unter diakonischem Auftrag. Ich will sie nicht alle breittreten, weil es da auch die Story gibt, daß X. Y. Mitte der 60er Jahre Gertraude Steiniger das Handwerk gelegt und seine Aussagen dazu beigetragen haben sollen, daß sie, Inbegriff des Satans in Menschengestalt, fortan nicht mehr Lehrerin in dem Kinderheim sein durfte, ĂŒber das ich an anderen Stellen ausfĂŒhrlich erzĂ€hle.

Meine zweite Erinnerung ist die an einen Rauhbein mit humanitĂ€r-menschlichen ZĂŒgen. Nach stundenlangem Eckenstehen sackte ich seinerzeit so zusammen, daß mein Kinn auf dem Boden aufprallte und ich eine Platzwunde am Kinn erlitt. Ich wurde ins Krankenhaus gebracht und hörte mit Entsetzen, daß X. Y. diensthabender Notarzt sei. Zitternd und heulend kroch ich ins Behandlungszimmer. Wundschmerzen hatte ich lĂ€ngst nicht mehr. Ich litt unter der Angst vor bevorstehenden Schmerzen, die ich durch die Hand von X. Y. erwartete. Er besah sich meine Wunde und brĂŒllte los: "Wenn Du jetzt heulst, kriegste eins in die Fresse. Wenn Du tapfer bist, kriegste 5 Mark!" Die Seele bebte und plötzlich wurde ich ein Held. Indem er die Platzwunde mit einem zangenĂ€hnlichen GerĂ€t zweimal klammerte, schrie ich meine Schmerzen in mich hinein. X. Y. hielt sein Versprechen.

Der Oberarzt SteinrĂŒck wurde am 1. Juni 1948 nach ĂŒber 26-jĂ€hriger Arbeit pensioniert und verstarb nur wenige Monate spĂ€ter. Seine Stelle nahm am 1.5.1949 der OrthopĂ€de Dr. Alfred Katthagen ein, der bereits seit dem 15.3.1946 als Assistenzarzt tĂ€tig war. Er hatte sich durch mehrmonatige TĂ€tigkeit als Gastarzt bei Dr. Becker (dem Vater des spĂ€teren Chefarztes Prof. Dr. Wolfgang Becker) in der OrthopĂ€dischen Klinik Altdorf bei NĂŒrnberg, bei Prof. Max Lange im OrthopĂ€dischen Versorgungskrankenhaus Bad Tölz sowie bei Professor Lindemann in der OrthopĂ€dischen Klinik Annastift in Hannover vorbereitet.

Am 31.3.1960 trat Dr. Bohne aus gesundheitlichen GrĂŒnden in den Ruhestand und der bisherige Oberarzt Dr. Alfred Katthagen wurde Chefarzt.

Am 1.4.1981 ĂŒbergab Dr. Alfred Katthagen seine Leitungsfunktion nach 35 Jahren in Volmarstein an seinen Nachfolger, Prof. Dr. Wolfgang Becker.

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Schwester J.

rechts: Todesanzeige “Königsberger Diakonie - Diakonissen-Mutterhaus der Barmherzigkeit auf Altenberg” Jörn Contag, Theologischer Vorstand
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Schwester J.

Sie war schon eine ganz besondere Erscheinung, diese Schwester J.
die 6 Jahre meines Lebens beherrschte und mir 6 Jahre meiner Kindheit
raubte. Wieviele Kinderseelen hat sie auf dem Gewissen? Wieviele Men-
schen wĂŒrden heute ein glĂŒcklicheres Leben fĂŒhren, wĂ€ren sie nicht in die
christliche Obhut von J. gefallen, die wir "Schwester J. nannten.

Zweifelsfrei war sie fromm. Wann immer sie "frei" hatte, also nicht auf der
Kinderstation Dienst schieben mußte, besuchte sie Gottesdienste, Andachten
und Friedhöfe. Andachten fanden sich reichlich im Angebot dieser Anstalten
unter dem Kronenkreuz. Jeden Morgen um 7.30 Uhr hatten sich alle Kinder
nach dem FrĂŒhstĂŒck in den SpeisesĂ€len andĂ€chtig zu verhalten. Dann kam
Schwester Elfriede, die "Hausmutter" des Heimes, in dem Kinder-, Frauen-
station und Verwaltung untergebracht waren, um aus der Bibel zu lesen, mit
uns zu singen und zu beten.

"Weil ich Jesu SchÀflein bin...", war eins der Lieder, die besonders hÀufig
angestimmt wurden. Mit den SchÀflein meinte Elf. insbesondere uns.
Aber auch ihre Mitschwestern schloß sie in diese Strophe ein. Von diesen
Morgenden her ist mir ein Psalm in Erinnerung, welcher uns bis zum Erbre-
chen vorgelesen, gelehrt und eingebleut wurde: "Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf einer grĂŒnen Aue...". Wessen
Hirte dieser Herr sein soll, der jener Schwestern oder unser Hirte, das war
mir immer ein RĂ€tsel, nicht nur als Kind von 13 Jahren. Auch im Nach-
hinein stellte ich mir gelegentlich die Frage nach dem Sinn und Unsinn eines
solchen Psalms unter den UmstĂ€nden, ein Leben als Behinderter fĂŒhren zu
mĂŒssen.
Hausmutter Elf. jedenfalls muß die stĂ€ndigen Schreie gehört haben, die
durch das Haus gellten, wenn J. wieder einmal eines der Kinder miß-
handelte oder die E. von der MÀdchenstation brutal in die Kinderfröh-
lichkeit hineinschlug. Sie muß weinende Augen gesehen haben, die
zerschundenen Gesichter und verzweifelten Blicke. SpÀtestens jedoch, wenn
G. St. im Klassenzimmer, das schrĂ€g gegenĂŒber dem BĂŒro der
"Hausmutter" lag, die Kinder bis zur Bewußtlosigkeit folterte, muß sie die
Gewimmer vernommen haben. Elfriedes Weg vom BĂŒro ĂŒber die Treppe
zur Frauenstation fĂŒhrte zwangslĂ€ufig an diesem Klassenzimmer vorbei.

Daß uns der "Herr" als Aufpasser und BeschĂŒtzer bitter fehlte, es uns
"mangelte" an Kleidung, frischer UnterwĂ€sche und vor allem an Liebe, daß
unsere "grĂŒne Aue" ein verstaubter, eingezĂ€unter Hof neben der SeitentĂŒr
des Heimes war und unser lĂ€ngster Fußmarsch nur zur danebenliegenden
Holzkapelle fĂŒhrte, also unsere Aue lediglich eine LĂ€nge von etwa 20
Metern, eine Breite von etwa 10 Metern maß, die dazu noch von einer
Hecke durchschnitten war - denn die Aue an der Kapelle gehörte schon zu
den WeidegrĂŒnden der Frauenstation -, das konnte sie bei den Psalm-
Lesungen nicht unberĂŒcksichtigt gelassen haben. Oder doch?

Nach den Badeaktionen an jedem Donnerstag mĂŒssen sich  im Schwestern-
zimmer im Erdgeschoß Abendandachten ereignet haben. An solchen Aben-
den kam Elf. oft nÀmlich singend aus dem Aufzug, um in ihr Zimmer zu
verschwinden.

Auch J. trug stets ein frommes Lied auf ihren Lippen. Gut gelaunt
sang sie stundenlang, wĂ€hrend sie ihre Schwesterntracht bĂŒgelte oder ihr
"HĂ€ubchen" erstellte. Diese Kopftracht war ein wahres Kunstwerk. Wer
schon einmal nord-niederlÀndische Trachten gesehen hat, kann sich vorstel-
len, daß die eigentliche Haube mit einem kunstvoll gefaßten Rand versehen
ist. Die Kante dieses HĂ€ubchens gestaltete sich in der Form eines mittel-
alterlichen Pagenhaarschnittes.

Dabei bildete diese Kante eine Kontur ĂŒber die Stirn und ĂŒber die Ohren
hinweg hinein in den Nacken. Die Anfertigung dieses Abschlusses oder
Saumes war eine knifflige Prozedur. Man stelle sich einen Stoffstreifen vor,
etwa 10 cm breit und riesig lang. Dieser Stoffstreifen, stark gestÀrkt wie die
eigentliche Haube auch, wurde gefaltet wie eine Ziehharmonika. Diese
Falten maßen etwa 3 bis 4 cm Höhe, hatten aber nicht jene spitzen Ecken
einer Quetschkommode, sondern sie blieben rund gewölbt und wurden nun
in der Mitte zusammengenÀht. So entstand aus einem langen Stoffband eine
kurze gekringelte Schlange, die abschließend auf die Außenkante der Haube
genÀht wurde. Schwester E. dagegen trug ein völlig andersartiges Kunst-
werk auf ihrem graumelierten Kopf. Ihre Haube war in sich gefaltet und
bedurfte daher keines Bordenstreifens.

Schwester J. war etwa 40 Jahre alt, als ich sie erleben mußte. Schon
wenig spÀter, ich war gerade 13 Jahre jung, zeigten sich erste graue Einzel-
haare in ihrer pechschwarzen Haarpracht, die, in einen dicken Zopf gefloch-
ten, als Knoten unter der Haube verschwand. Ich glaube, sie ließ niemals
einen Friseur an ihr Haar. War das verboten oder zu teuer? Sie trug nach
unserer irrigen Vorstellung tÀglich das gleiche Kleid. Aber es war ein Kleid
in 3 oder 4 Kopien. Es reichte vom Hals bis fast zu den FĂŒĂŸen, war recht
weit geschnitten und ab der HĂŒfte in Falten gelegt. An die Farbe und das
Muster kann ich mich nicht mehr erinnern. War der Grundton dunkelblau
mit weißen Punkten?
Dazu trug sie schwarze StrĂŒmpfe und schwarze Schuhe mit kurzem Absatz.
Diese Uniform unterlag keinem Modetrend. Sie paßte an allen Tagen und zu
allen Festen. Der Kragen war zugeknöpft bis unter das Kinn - nicht ein
Hauch von Erotik konnte aufkommen; aber Schwester J. muß einmal
wunderschön gewesen sein - und die Armmanschetten bestanden aus einem
weißen Ansatz an den bis zu den Handgelenken reichenden Ärmeln.

Ihr Zimmer war fĂŒr heutige VerhĂ€ltnisse spartanisch, fĂŒr mein damaliges
Empfinden sehr freundlich und behaglich eingerichtet. Gelegentlich durfte
auch ich dort Kuchen essen und so sah ich ein Bett am Fenster, mit einer
farbigen Überdecke abgedeckt. Daneben strotzte ein monströser Kleider-
schrank mit 2 TĂŒren. Auf der linken Seite stand ein kleiner Eßtisch, auf dem
eine selbstbestickte Tischdecke, mal mit Ostermotiven, mal mit Weih-
nachtsmotiven, lag und darauf befand sich ein altes Tischradio in heller
Farbe. An diesem Tisch sah ich 2 Sessel. Ein kleines Handwaschbecken war
direkt neben der EingangstĂŒr plaziert. Ihr privater Lebensraum war also eine
Zelle von etwa 20 qm GrĂ¶ĂŸe, in der sie ihre Nacht verbrachte. Denn Freizeit
war ihr ein Fremdwort.

lasset die Kindlein zu mir kommen
 
Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrĂŒhre. Die JĂŒnger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfĂ€ngt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die HĂ€nde auf sie und segnete sie.
(Markus 10, 13)
Zu derselben Stunde traten die JĂŒnger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der GrĂ¶ĂŸte im Himmelreich? Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der GrĂ¶ĂŸte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.
Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zur SĂŒnde verfĂŒhrt, fĂŒr den wĂ€re es besser, daß ein MĂŒhlstein an seinen Hals gehĂ€ngt und er ersĂ€uft wĂŒrde im Meer, wo es am tiefsten ist.
(MatthÀus 18)

Jenny am Strand

St.

oder: Die Fratze des Teufels

Vor wenigen Tagen telefonierte ich mit einem alten Freund. Er ist nun schon
weit ĂŒber 75 Jahre alt. Ich lernte ihn 1964 kennen, als ich gerade 14 Jahre alt
war. Er hatte sein BĂŒro in jenem Haus, in dem ich einen Teil meiner
Kindheit verbrachte. Mein Freund war ehemals fĂŒr den gesamten Einkauf
jener Anstalt tÀtig. Wenn ich ihn traf, schenkte er mir stets ein freundliches
Wort und manchmal auch eine Flasche Sprudel, nach der es mich permanent
dĂŒrstete, weil im Haus - auf meiner Station - nur morgens und abends je ein
Glas Muckenfuck oder Tee eingegossen wurde.

Herbert erzÀhlte von einer Beerdigung, auf der er Anschrift und Telefon-
nummer einer Frau St.r erfuhr: "Am Apparat meldet sich ein FrÀulein
S.", meinte er und: "FrÀulein Steiniger soll es sehr schlecht gehen".

Mit diesen beiden Namen verbinden mich grausige Erinnerungen. Soll ich
jedoch heute noch - Jahrzehnte nach diesen Schrecken - ĂŒber St. ein
Wort verlieren? Was interessiert dies alles den Leser? Liest er nicht lieber
schöne Geschichten aus der heilen Welt? Und - sollte nicht auch dem
schwersten Verbrecher irgendwann Vergebung zuteil werden; ist er nicht
auch nur Mensch?

Wer denkt an die Opfer? Wer denkt an junge Menschen, die durch diese
scheußlichen Erlebnisse geformt wurden fĂŒr ein ganzes Leben, gebogen in
eine Richtung, die sich keinesfalls positiv auf ihr weiteres Leben auswirkte?
WĂ€re Jaschko zur Heilsarmee gegangen, wenn seine Kindheit nicht aus
Strafe und Zucht bestanden, er gelegentlich Geborgenheit und Zuflucht
erfahren hÀtte? Suchte er nicht dort endlich seine Familie? Vielleicht wÀre
Josef, nachdem er ein junges MĂ€dchen, sein MĂ€dchen, zum Beischlaf ĂŒber-
reden wollte und es dieses Ansinnen ablehnte, nicht ĂŒber sie hergefallen.
HÀtte er sie nicht erdrosselt, mit einer krÀftigen Hand, der einzigen, die ihm
nach einer Amputation blieb.

Woher soll er auch erfahren haben, daß der Geschlechtsverkehr eine gewisse
Zuneigung voraussetzt, es gegen den Willen des Liebespartners keinen
Anspruch auf sexuelle Vereinigung, auf die Befriedigung eigener BedĂŒrf-
nisse gibt; schließlich hieß doch sein Überlebensmotto von Kleinkindheit
an: Fressen oder gefressen werden. Um dieser Opfer willen, die trotz allem -
wie auch immer - leben und tĂ€glich neu ĂŒberleben, darf nicht geschwiegen
werden ĂŒber die Verbrecher an den hilflosesten aller Kinder, an behinderte
Kinder. Über die Verbrechen der G. St., der es heute so
schlecht gehen soll. Schon in den sechziger Jahren war sie schlecht drauf.

Den medizinischen Fachbegriff fĂŒr ihre Behinderung konnten wir damals
nicht kennen. Panische Angst jedoch fesselte uns an die HolzstĂŒhle der
Klasse, wenn wir sie sahen. Sie trug ein Korsett von der HĂŒfte bis zum Hals,
in dem ihre BrĂŒste fest eingemauert waren. Diesen Panzer spĂŒrten wir auch,
wenn sie uns schlug, wenn wir ihr entgegenfielen und mit dem Kopf gegen
ihre stĂ€hlernen BrĂŒste knallten.

Den teils schwerbehinderten Kindern wurde konzentriert Gewalt angetan.
Sie empfanden die erfahrenen SchlÀge nicht wie jenen "Backenstreich", den
Jesus ĂŒber sich ergehen lassen mußte in der Nacht von Golgatha. Diese
SchlĂ€ge mußten sie neben ihrem Schicksalsschlag der Behinderung ver-
dauen.

TĂ€glich wurden drei, vier oder sehr viel mehr Kinder mit dem KrĂŒckstock
der St. niedergeknĂŒppelt. So litten etwa 30 Kinder ihrer Klasse unter
ihren GewaltausbrĂŒchen. Und die Zahl der tĂ€glich Mißhandelten und
Geschundenen ist weit grĂ¶ĂŸer, rechnet man jene hinzu, denen alle zehn Fin-
gerchen grĂŒn und blau geschlagen wurden, weil unter einem oder mehreren
FingernÀgeln Spuren von Schmutz zu finden waren.

Unser Blick aus dem Klassenzimmer auf der RĂŒckfront des Heimes fiel auf
ein kleines HĂ€uschen mit davorliegendem Garten. Wir nannten es
"HexenhÀuschen". Dort wohnte nÀmlich sie, die wir in kindlicher Manie als
Hexe betrachteten.

LĂ€ngst bevor sie in der Klasse eintraf, saßen wir in den SchulbĂ€nken und
sahen sie herannahen. SpÀtestens dann, wenn sie in den runden Weg zum
Heim einbog, ließ uns die Angst erzittern und in Panik geraten. Indem sie
ihren Oberkörper bis hinab zur HĂŒfte nach links bog, schob sie ihr rechtes
Bein nach vorn. Alsdann wankte ihr gesamter Oberkörper nach rechts und
veranlaßte, daß ihr linkes Bein nach vorn geschoben wurde. Um den nötigen
Schwung zu bekommen, stĂŒtzte sie sich auf einen Stock mit rundgebogenem
Griff. Sobald sie aus unserem Blickfeld verschwand, stiegen Angst und
Panik. Wir wußten, jetzt dauert es nur noch wenige Minuten, bis die
KlassentĂŒr aufgestoßen wird und sie hereinwankt, um auf ihrem eine Stufe
höher stehenden Stuhl niederzukrachen.

Zuvor schlug sie meist wild um sich. Das war dann der Fall, wenn sie
FingernÀgel kontrollierte oder irgendwelche Diktate total daneben gegangen
waren. "Ich will meine FingernÀgel immer sauber halten", schrie sie und
jedes Wort bedeutete einen schweren Hieb mit ihrem KrĂŒckstock auf die
vermeintlich schmutzigen HĂ€nde einer weinenden Seele. "Ich" bum "will"
bum "meine" bum "Finger-" bum "nÀgel" bum "sauber" bum "halten!"
bum und meist gab es noch reichliche Zugaben fĂŒr kĂŒnftige FĂ€lle.

Sie war der Teufel! Sie war ein Satan im Talar. An ihr lernten wir Luzifer
erfahren als ein Wesen, das sich hinter einer frommen Maske versteckt, um
getarnt und unauffÀllig umso grausamer zuzuschlagen.

Einige Kinder glaubten fest, Gott habe ihnen dises Scheusal in St.
Gewand gesandt, weil sie ihm nicht brav genug waren. Erteilte sie Reli-
gionsunterricht, dann 4 Stunden an einem Streifen. Und "Ein feste Burg ist
unser Gott", ein Kirchenlied von Martin Luther, mußten wir lernen bis zum
Erbrechen, ebenso die Schöpfungsgeschichte und Christi Geburt: "Und es
begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus aus-
ging, daß alle Welt geschĂ€tzet wĂŒrde... Da machte sich auf auch Joseph...".
Nein, dieses Erlebnis des Joseph sollten wir nicht in einer Woche erlernen
und verstehen; am nĂ€chsten, spĂ€testens ĂŒbernĂ€chsten Tag mußten wir
Christi Geburt Bibel-wörtlich aufsagen können und dies in tiefster Inbrunst.

Auf die richtige Betonung legte sie gesteigerten Wert: Es begab sich aber zu
der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging... Wer dieses Hoch-
und Tiefstellen der kindlichen Stimme nicht beherrschte, mußte den Satz
immer und immer wieder vortragen. Nach drei Versuchen, bei guter Laune
der Steiniger auch vier, drohte die Ecke, die sich links von ihr befand. Dort
mußten wir drei bis vier Stunden hintereinander stehen, ohne uns mit den
HĂ€nden an der Wand abstĂŒtzen zu dĂŒrfen. Meist kamen nach der Mittags-
pause noch einige Stunden dazu. Denn der Unterricht ging erst zuende,
wenn sie es befahl; an einigen Tagen erst um 5 Uhr nachmittags.

Was bedeuten vier Stunden Eckenstehen? MĂŒssen wir nicht oft mehrere
Stunden durch die Straßen hasten, bis wir unsere EinkĂ€ufe erledigt haben?
Einige Kinder litten unter Muskelerkrankungen, die die Muskeln langsam
aber kontinuierlich lÀhmen. Diese Kinder konnten sich je nach Fortschritt
der Erkrankung nur eine begrenzte Zeit auf den Beinen halten. Manche
schafften eine halbe Stunde, andere mit MĂŒhe und in Schinderei 2 Stunden
und einzelne sackten nach fĂŒnf Minuten ineinander. Gertraude Steiniger
knĂŒppelte sie wieder auf die FĂŒĂŸe. Mit ihrem Stock, der ihren schweren
Körper stĂŒtzte und nichts anderes als ihre Behinderung ausgleichen sollte,
schlug sie solange auf Kinderköpfe ein, bis die Geschundenen unter Aus-
nutzung letzter Kraftreserven wieder auf ihre schwachen FĂŒĂŸe gelangten.

Danach schwoll die Kopfhaut an unzĂ€hligen Stellen oder es floß Blut durch
den Lockenschopf. Kleine Kinder schrien wie heulende Robben. Ihre
Anklagen an diese Welt hörte jeder im Haus und - ignorierte sie.

Man wollte die Schreie nicht wahrnehmen, anders hÀtte irgend ein Mensch
der St., die wir Peiniger nannten, den Stock aus der Hand gerissen.

Selbst die Leichen, eine Etage tiefer unter der Klasse 3 bis 4 aufgebahrt,
erhoben sich nicht, um dem Satan in Menschengestalt ins Gesicht zu schla-
gen. Wie konnten sie auch, waren es doch entweder behinderte Frauen aus
dem gleichen Heim oder solche, die eine Operation in der Klinik nicht
ĂŒberlebten. Gelegentlich starb ein schwerstbehinderter Mann aus dem
"Invalidenheim" oder ein junger Mensch mitten in seiner Ausbildung. Sie
alle wurden dort eingesargt.

Manche "Eckensteher" verfielen auf einen Trick. Ihre ausgestreckten HĂ€nde
griffen ĂŒber die Kniescheibe ins Fleisch und klammerten sich dort fest. So
verhinderten sie, daß die Knie einbrachen und sie unweigerlich ineinander
fielen. Unmittelbar ĂŒber der Kniescheibe abgestĂŒtzt, boten sie das Bild eines
Fragezeichens.

Darauf reagierte St. stets unbeschreiblich barbarisch. Sie raffte sich
mĂŒhsam von ihrem Stuhl und stampfte, Ă€hnlich einer Dampfwalze, auf den
Leidenden zu und knallte ihm ihren Stock in die Kniekehlen. Infolgedessen
brach der Gepeinigte zusammen und sackte mit seinem Gewicht nicht selten
auf die zarten FĂŒĂŸe. Wo Knochen noch Knorpel waren und sich Gelenke
noch nicht gefestigt hatten, waren unertrÀgliche Schmerzen und Schreie die
unweigerliche Folge.

Und der Anstaltsleiter und Hauspfarrer - Gott hab' ihn selig, er ist lÀngst tot,
gestorben vor, wÀhrend oder nach einem Bade, jedenfalls ohne Qual und
Leid - hörte nichts; obwohl sein BĂŒro auf der gleichen Etage lag und er
schon mal das Treppenhaus benutzte, das neben der Klasse herfĂŒhrt, in der
diese tĂ€gliche und stĂŒndliche Folterung stattfand. Ein Lied, daß er in der
Kirche zu seinen Gottesdiensten oft singen ließ, bleibt mir in Erinnerung:
"Aus tiefster Not schrei ich zu dir, o Gott erhör mein Rufen".

Auch Schwester J. hörte nichts, war sie doch ebenso Folterknecht und
vollendete nach der Schule das Werk des Teufels. Schwester I. dagegen
durfte nichts wahrnehmen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, beim
gemeinsamen Bade vor dem FrĂŒhstĂŒck von Schwester J. als "fette
Sau" beschimpft zu werden. So stĂŒtzten sich kleine Kinder ab, indem sie
ihre HĂ€nde zu FĂ€usten geballt in die Hosentasche steckten, um einfach nicht
tiefer, also in eine schiefere Haltung zu rutschen und um die Beine gerade zu
stĂŒtzen. Dabei warfen sie den Kopf in den Nacken, - es sollte eine möglichst
gerade Figur simuliert werden. Sie standen gleich einer SS-Rune und
hofften, ihre verzweifelten Versuche, nicht ineinander zu krachen, vertu-
schen zu können. Manchmal nutzten diese TÀuschungsmanöver, bisweilen
kurze Zeit und oft gar nicht. Dann fuhr ihnen der KnĂŒppel ins Kreuz und
zerstörte die Balance, die sich die Kinder kurz vor dem ohnehin absehbaren
körperlichen Zusammenbruch aufgebaut hatten.

*

Ich weiß nicht mehr, wie er hieß. Darum nenne ich ihn Max. Max war 12
oder 13 Jahre, als ich ihn kennenlernte. Das kann ich darum beurteilen, weil
St. ihn uns gelegentlich absichtlich nackt vorfĂŒhrte und ein krĂ€ftiger
Schambewuchs, andererseits sein kindliches Aussehen, dieses Alter schÀt-
zen ließen. Welche Unterrichtsstunde St. abhielt, kann ich heute nicht
mehr nachhalten. Irgend etwas hatte er wohl falsch getan, gesagt oder
geschrieben. Er mußte vor das Pult kommen und ein Donnerwetter ĂŒber sich
ergehen lassen. Dabei rann gelegentlich eine ĂŒbel riechende FlĂŒssigkeit aus
seiner Hose. St. ging der Sache nach. Max mußte die Hose fallen
lassen und die Unterhose ebenso. So stand er, den Hintern uns zugewandt,
vor uns. Er mußte sich umdrehen und wir Jungen und MĂ€dchen sahen ihn
mit großer Neugierde an. Zwischen seinen Beinen hing ein langgezogener
Gummibeutel, der ihm etwa bis zur Kniescheibe reichte. Am unteren Ende
befand sich ein kleiner tropfender Wasserhahn. Das obere Ende weitete sich
leicht aus und ging in seinen Körper ĂŒber. Uns blieb nicht verborgen, daß
dieses Ding, welches wir Pillermann nannten, in diesem Beutel steckte.

Hernach mußte Max sich ihr erneut zuwenden und so eine lange Zeit aus-
harren. Derweil tropfte der kleine Wasserhahn und Max bekam einen roten
Kopf bis zum Ende der Zurschaustellung. Noch Tage spÀter schÀmte sich
Max, wenn er in die Klasse kam, wenn kleine MĂ€dchen ihn dumm angrin-
sten. Der kleine Max ist schon seit Jahren tot. Er litt, das wußten wir damals
nicht, unter einer QuerschnittslÀhmung und eines Tages versagten seine
Nieren. Er spĂŒrte aufgrund der LĂ€hmung keine Schmerzen, ein mögliches
Alarmzeichen fĂŒr eine Nierenerkrankung.
 

Die Entscheidung

Schon Wochen vorher ĂŒberlegte ich, ob ich an diesem Sonntag singen soll.
Wir wurden aufgefordert, an einem Festgottesdienst einer Bruderschaft mit-
zuwirken. An diesem Tage sollen junge DiakonenschĂŒler und -schĂŒlerinnen
eingesegnet, ihnen der Titel "Diakon/Diakonin" verliehen und sie damit in
die Gemeinschaft der BrĂŒder aufgenommen werden. Tagelang geisterten mir
jene zahlreichen BrĂŒder vor Augen, die meine Kindheit und Jugend be-
gleiteten. Und ich hatte Angst vor der Konfrontation mit einigen Ganoven
unter ihnen.

"Ich kann in deinen Augen sehen, ob du gewichst hast", höre ich noch heute
einen jener DiakonenschĂŒler zu einem kleinen Jungen sagen. Und dieser
kleine Mann von etwa 13 Jahren war so erschrocken, daß er fortan von sich
ließ. Jeder Morgen, an dem er aufwachte und feststellte, daß er einen
befleckten Schlafanzug trug, bedeutete stets die Hölle fĂŒr ihn. Dann wich er
dem DiakonenschĂŒler einige Tage aus und vermied alle Blickkontakte. "Du
hast wieder gewichst", hielt ihm der Auszubildende in Sachen Diakonie vor,
der selbst kaum dem Kindesalter entronnen war, vor dem man jedoch
großen Respekt hatte, "gib es zu, ich merke alles!" Der kleine Mann nickte.
Was gab es zu leugnen, sah sein GegenĂŒber ihm doch fest in die Augen.

Ein anderer - heute wohl gelÀuterte - Diakon kÀmpfte wenig gegen unser
GefĂŒhl an, daß er einen Packt mit dem Satan geschlossen hat, mit dem Satan
unter einer weißen Haube, in Gestalt von Schwester J. Er war ebenso
flott zur Hand, wenn es galt, behinderte Kinder zu schlagen - und GrĂŒnde
gab es reichlich. Da war der Klaus, der nachts mit dem Kopf wackelte, ihn
von rechts nach links auf dem Kopfkissen wÀlzte, um die Ruhe und
Entspannung zu bekommen, die den Streß des Tages und die Angst vor
stĂ€ndigen Mißhandlungen ausgleichen sollte. Jener SchĂŒler, den wir, wie
alle anderen auch, schon "Bruder" nennen mußten, verfolgte das erklĂ€rte
Ziel, Klaus dieses "Wackeln" austreiben. Dies geschah, tÀglich wie-
derkehrend, mit SchlĂ€gen. Klaus und wir anderen Kinder fĂŒrchteten uns
sehr.

Soll ich vor ihm und anderen MĂ€nnern singen, die uns Kindern soviel Leid
zugefĂŒgt hatten, die manche Kinderseele zerbrachen, obwohl sie selbst fast
Kinder waren?

Ich wĂŒrde aber auch solche MĂ€nner wiedersehen, und das sind die meisten
von ihnen, die uns unbeschreibliches GlĂŒck schenkten. Bruder Zimmer, der
mich auf seinen Schultern vom Ferien-Kinderheim zum Strand trug. Bruder
Twer, der den Kindern eine Autoanlage aufbaute und mit ihnen Stunde um
Stunde spielte. Bruder Ackermann, den ich anlĂ€ĂŸlich des Kirchentages im
Fernsehen als Gehörlosendolmetscher wiedersah und der uns damals so
spannende Geschichten vorlas. BrĂŒder, die mitlitten, wenn die Kinder litten
und die versuchten, Wunden an den Seelen der Kinder zu heilen.

Ich wĂŒrde vor Bruder Harms singen, dem ich als Kind Schmerzen zufĂŒgte:
Mit frechen Worten und Handlungen reizte ich ihn, um zu testen, wie weit
ich gehen kann, wie gemein ich sein kann, bis er seine Beherrschung ver-
liert. Und dann wollte ich sehr böse auf ihn sein, wenn er seine Beherr-
schung verloren hatte. Ich war, in diesem Alter, ein stinknormaler Flegel,
der die KrĂ€fte messen wollte. Und eines Tages, ich trieb meine HĂ€ĂŸlichkei-
ten auf die Spitze, bekam ich von Bruder Harms "eine geschmiert". Im glei-
chen Augenblick empfand ich nicht eine Spur von Empörung oder Wut oder
Haß. Ich war einfach glĂŒcklich. GlĂŒcklich ĂŒber diesen Schlag mitten ins
Gesicht, der mir meine Grenzen aufzeigte und der mich mahnte: "Nun reicht
es!". Tagelang hatte ich auf diesen Schlag gewartet, ihm entgegengefiebert
und mich schon lange gewundert, daß Adolf Harms diese enorme Geduld
mit mir aufbrachte. Ich selbst hÀtte schon lÀngst zugeschlagen. Ich mochte
Bruder Harms immer. Nicht nur darum, weil er uns wĂ€hrend der SchĂŒler-
freizeit morgens mit TrompetenklÀngen weckte: "Wachet auf, wachet auf, es
krÀhte der Hahn. Die Sonne beginnt ihre goldene Bahn". Von diesem Tage
an liebte ich Bruder Harms wie ein Sohn seinen Vater.

Ich wĂŒrde vor Bruder Fabry singen, von dem andere Jungen, nun 40-jĂ€hrige
MÀnner, noch heute schwÀrmen. Vor Bruder Kirschbaum, der uns mitnahm
in seinem VW-Bulli und mit uns nach Berlin fuhr, der uns Europa zeigte.
Vor Diakonen, die ich nicht aus meinem Leben streichen will. Soll ich nicht
einfach ĂŒber die paar Halunken, die uns das Leben schwer machten, hin-
wegschauen? Ist es nicht wichtig, oder sogar Pflicht, den Lieben und Netten
und Freundlichen unter ihnen mit zwei Kantaten noch einmal Dank zu
sagen?

Mein Schöpfer nahm mir diese Entscheidung ab. Vorgestern, 2 Tage vor
dem Auftritt, bekam ich eine starke ErkÀltung. Wenn ich atme, schmerzen
die Lungen bis hoch zu den Schultern. Ich konnte heute morgen wirklich
nicht singen!

Mich dĂŒrstet

 Eins der Leidensworte Christi am Kreuz heißt nach alter Überlieferung: „Mich dĂŒrstet.“ An diesen Ausruf habe ich als Kind oft gedacht. Seit Wochen krame ich auf meinen diversen Festplatten nach jener Geschichte, die mich mit diesem Leidensruf verbindet.

 Ich werde Horst Glemnitz nie vergessen. Damals war er ein Junge um die 10 Jahre herum. Er saß quasi gefesselt in seinem Rollstuhl. Um seinen Oberkörper befand sich ein Gurt, der seine Oberarme fixierte. Horst war nĂ€mlich Spastiker und seine unkontrollierten Bewegungen fĂŒhrten schonmal dazu, dass er andere Leute oder GegenstĂ€nde traf. Dies wollten die Schwestern, und wer sonst auch immer, verhindern.

 Ich kenne Horst nur so, dass ihm stĂ€ndig Schweißperlen die Stirn heruntertropften. Horst schwitzte stĂ€ndig und litt sehr darunter. Die Folge seines Schwitzens war ein permanenter, extremer Durst. Es gab morgens nur eine Tasse Muckefuk und nachmittags eine Tasse anderes GetrĂ€nk. An die Art des GetrĂ€nkes kann ich mich nicht mehr erinnern. Mehr bekam Horst nicht, weil er wohl schonmal nachts einnĂ€sste. Dies war kein psychischer Schaden, was ich heute weiß, sondern lag einfach daran, dass sich von spĂ€testens 20:00 Uhr abends bis am anderen Morgen um 06:00 Uhr niemand mehr um ihn kĂŒmmerte. Heute ist es verstĂ€ndlich: Wer hĂ€lt 10 Stunden aus ohne zu pinkeln? Wir Kinder mussten oft noch lĂ€nger aushalten.

 Horst’s Lippen waren eine einzige Kruste. Sie waren immer trocken. Ich hatte die Aufgabe, ihn zu fĂŒttern. Ich sah, wie er litt ohne aufzubegehren. Als Kind ahnte ich trotzdem, welche Qualen er auszuhalten hatte. Oft gab ich ihm meinen Muckefuk oder meinen Tee, damit er etwas mehr zu trinken hatte. Immer sagte er Danke und immer hatte ich das GefĂŒhl, mit diesen kleinen Gaben sein unendliches Leid zu lindern.

 Nach seinen FĂŒtterungen bin ich dann selbst in der Jungentoilette verschwunden und habe aus dem Wasserhahn getrunken, weil ich selbst kaum mehr zu trinken bekam als Horst.

 1969, als ich zur Kur nach Bad Oyenhausen fuhr, sah ich seine Eltern wieder. Es waren bodenstĂ€ndige Menschen, die ihren Sohn liebten, aber die Gefahr, in die sie ihren Sohn brachten, nicht erkannten. Sie dachten, in Volmarstein sei ihr Horst gut aufgehoben. Sie hatten auch – und das erzĂ€hlten sie wĂ€hrend dieses Treffens im Garten ihres Hauses – auch kein Auge fĂŒr das Leid der anderen Kinder. Heute weiß ich, dass dieses Leid kaschiert wurde. Alle hatten fröhlich zu gucken, wenn fremde Leute auf der Station waren.

 Horst ist tot.  Seine Todesursache habe ich lĂ€ngst vergessen. In Erinnerung ist mir noch, dass er noch einige Zeit im Berufsbildungswerk der damaligen OrthopĂ€dischen Anstalten Volmarstein verbrachte. Man entdeckte viel zu spĂ€t, dass er einiges geistiges Potential hatte. Im Johanna-Helenen-Heim mit der dortigen Schule achtete man nicht auf derartige FĂ€higkeiten, wenn sie nicht unmittelbar fĂŒr die Lehrerin St. von Wichtigkeit waren. Musikalische FĂ€higkeiten fĂŒhrten dazu, dass die Kinder in ihr Schulorchester integriert wurden. Handwerkliche FĂ€higkeiten fĂŒhrten in die Werkgruppe.

 Horst, der im Rollstuhl gefesselt war, hatte weder die eine noch die andere FĂ€higkeit.

 Ich habe mir nicht vorstellen können, dass mich noch 40 Jahre spĂ€ter die trockenen Lippen eines MitschĂŒlers so oft beschĂ€ftigen.

Ute

 An Ute H. erinnere ich mich noch, als ob ich sie gestern zuletzt als kleines Kind gesehen hĂ€tte. Ute war ein zierliches Wesen, dass tĂ€glich mit einer Schiene fĂŒr beide Beine – ich glaube bis zu den HĂŒften – gehen musste. Sie hatte ein schmales Gesicht und ein trauriges Gesicht. Man zĂ€hlte sie zu den schlechten Essern, die wenig Appetit hatten. Ute vergesse ich aus dem Grunde nicht, weil ich einmal Zeuge einer grausamen ZwangsfĂŒtterung wurde.

 Unser Jungenspeisesaal war vom MĂ€dchensaal nur durch eine große, aber stets geöffnete TĂŒr, getrennt. So konnten wir auch sehen, wenn E. die MĂ€dchen vertrĂŒmmte. Einmal zog sie ein MĂ€dchen nackend aus, um ihr andere Kleidung anzuziehen. Das MĂ€dchen schĂ€mte sich sehr.

 An einem Samstagmittag sah ich Ute rĂŒcklings auf dem Boden liegen. Ich sah nicht ihren Kopf, aber ich hörte ihr WĂŒrgen. Rechts kniete Schwester E. mit beiden Knien auf dem zarten Arm der kleinen Ute. Links kniete ebenfalls auf dem gestreckten Arm Schwester M. Auf ihr drauf, ein Bein rechts und ein Bein links von ihrem schmĂ€chtigen Körper kniete Schwester J. und flöste ihr Bohnensuppe ein. Ich sah die drei Schwestern zwar nur von hinten, aber ich hörte ihre Stimmen.

 Diese Bohnensuppe hat uns immer geekelt, weil in ihr dicke, weiße, gekochte Speckschwarten oder SpeckwĂŒrfel schwammen, an denen fast jedesmal noch lange Schweineborsten waren.

 J. flöste ihr diese Specksuppe ein. Ich hörte Ute wĂŒrgen und ich hörte sie laut husten. Ich hatte Angst, sie erstickt. Dann muss sie wohl alles erbrochen haben. Jedenfalls wurde der Blechnapf zur Seite gestellt, so dass ich ihn sehen konnte und die Handbewegungen deuteten an, dass man ihr mit dem Löffel das Erbrochene einschaufelte. Wieder hörte ich sie wĂŒrgen. Ihr Husten hörte gar nicht auf. Diese Prozedur zog sich unter dem Geschimpfe der drei Schwestern quĂ€lend lange hin. Inzwischen haben auch andere Jungen gesehen, was im Nebensaal los war. Als Ute dann wieder auf den Beinen stand, liefen ihr die TrĂ€nen und sie den Gesichtsausdruck, der mir wie ein Brandmahl in die Erinnerung gesetzt wurde. Ihr Kleid war vollgebrochen.

 Diese Zwangsspeisungen waren entweder in dem einen Eßsaal oder im anderen Eßsaal an der Tagesordnung. Irgendeinen traf es. Wir halfen uns gelegentlich, in dem wir diesen widerlichen Speck in die Hosentasche unserer kurzen Lederhose verschwinden ließen. In der Toilette warfen wir den Speck in die KloschĂŒssel und hielten die Taschen, die schon von vorherigen FleischfĂŒllungen völlig ausgehĂ€rtet war, unter den Wasserhahn. J. erwischte mich öfter und knallte mir danach eine weitere Kelle Ekelsuppe in den Blechteller. Oft schwamm der Nachtisch schon darin. Dies alles zusammen musste ich aufessen, wĂ€hrend sie daneben stand.

 Diese FĂŒtterungsexzesse hatten erst ein Ende, als die Schwestern unter Beobachtung standen, als junge DiakonenschĂŒler ihren Dienst auf der Kinderstation begannen. Auf der MĂ€dchenstation standen selbst in dieser Zeit noch ZwangsfĂŒtterungen auf der Tagesordnung.

 

Eine, die auch immer zwangsgefĂŒttert wurde, war Ursula G. Das hat sie mir Anfang der 90er Jahre, als sie endlich außerhalb der Volmarsteiner Anstalten eine kleine Wohnung in Wengern bekam, erzĂ€hlt. Ursel ist  vor einigen Wochen erstickt. Es war kein Personal da, keine geschulten KrĂ€fte, die ihr eventuell auf den RĂŒcken klopfen oder ihren Oberkörper nach vorn beugen konnten. Sie schaffte es noch mit ihrem Rollstuhl ins Freie, damit ihr behinderter Nachbar Tony sie sah. Tony fuhr auf die Straße, um Hilfe zu holen. Er fand niemanden. Als er zurĂŒckkam, war Ursel tot.

  Nachsatz am 05. 12. 2007:

 Heute, ein oder zwei Jahre nach Ursels Tod, sehe ich Ursel wieder. Nach und nach schicken uns ehemalige Kinder Fotos aus ihrer Kindheit. Sehr viele Fotos erhielten wir auch von Diakon Harms. So ist inzwischen eine stattliche Sammlung zusammengekommen.

 Hier ein Bild von Ute und zwei von Ursel: