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Liebe Mitschülerinnen und Mitschüler!
Liebe Leser/innen dieser Homepage!
Kann man uns an der Nasenspitze ansehen, dass wir als Kind in einem Heim
lebten? Viele von uns haben sich - kaum waren sie dem Johanna-Helenen-Heim entronnen - immer wieder diese Frage gestellt. Viele von uns haben es als einen Makel empfunden, einige Jahre der Kindheit in einem Heim
gelebt zu haben. Noch schlimmer empfanden jene, die ihre ganze Kindheit im Heim verbringen mussten. Oft habe ich gehört, dass diese Zeit der Umwelt einfach verheimlicht wurde, man selbst in seiner späteren Familie
nicht darüber berichtete. Die eigene Frau, der eigene Ehemann hat sehr lange nichts über diesen Zeitabschnitt in der Biografie gewusst. Man schämte sich dafür und man hat oft genug gedacht: Hoffentlich merkt man
mir diese Zeit nicht an.
Triebfeder dieser Täuschung und Tarnung war und ist die Furcht vor der
Reaktion des Gegenübers. War der Begriff „Heim“ nicht negativ besetzt? Verbirgt sich hinter den vier Buchstaben nicht heute noch das Vorurteil: „Er hat sein Leben nicht in den Griff gekriegt, er musste ins
Heim“. Die Unterscheidung zwischen einem Schul- und Wohnheim für behinderte Kinder und einem Erziehungsheim fiel unbedarften Menschen schwer. Für sie galt nur: Heim ist Heim.
Es wird wohl keinen aus unserer Zeit gegeben haben, der diese Zeit nicht als
Stigma, als Wundmal empfunden hat. Das Bild, das mir Pfarrer Dierk Schäfer für den Ostergruß überlassen hat, drückt all diese Gefühle aus. „Der ist anders als wir. Was machen wir mit dem?“ Und das kleine
Häschen denkt: „Woher wissen die wohl, dass ich anders bin als sie?“ „Sieht man es mir an der Nasenspitze an?“ Und: „Was denken die anderen nun über mich?“ „Bin ich denn nun gleichwertig unter Ihnen,
oder bin ich in der Hierarchie abgestuft, gar minderwertiger?“ „Nehmen die mich überhaupt ernst, oder bemitleiden sie mich viel zu stark, obwohl ich gar kein Mitleid brauche und nicht haben will.“
Heute, 50 Jahre später, dürfen wir uns die Frage stellen: Müssen wir uns
schämen, dass wir zwischen 1945 und 1965 eine zeitlang im Heim für körperbehinderter Kinder verbracht haben? Ich denke, jetzt nicht mehr! Eins hat die Aufarbeitung unserer Heimgeschichte in den letzten drei Jahre
klar herausgearbeitet: Die Scham müßte ganz woanders liegen. Die Scham müsste bei denen liegen, die diese Heimeinweisungen entweder vorgenommen, oder nicht überprüft haben, was denn nun mit dem Eingewiesenen im
Heim geschieht.
Wie kam es zu dieser Zeit zu Heimeinweisungen? Jetzt blicke ich über
„unseren“ Tellerrand hinaus. In der Heimerziehung genügte das Denunzieren eines Nachbars, um ein Mädchen oder einen Jungen in die Erziehungsanstalt einzuweisen. Mädchen wurde gern ein lasterhaftes Leben
angedichtet, häufig wechselnde Männerbekanntschaften unterstellt und schon fanden sie sich in Nähstuben von Erziehungsanstalten wieder. Jungen, die aufmuckten, wurden als gewalttätig gebrandmarkt. Wenn gar
nichts half, einen Unruhestifter los zu werden, genügten bei jungen Frauen bereits etwas zu kurze Röcke, die angeblich ein öffentliches Ärgernis darstellten.
In unseren Fällen war es damals manchmal beschämend, ein behindertes Kind
zu haben. Allerdings: Noch Anfang bis Mitte der 70er Jahre sind mir Fälle von versteckten Kindern zugetragen worden.
Welchen Vorurteilen Behinderte nicht nur zu unserer Zeit, sondern bis in die
70er Jahre hinein, ausgesetzt waren, kann ich an einem Beispiel erzählen: Diakon Horst Bremshey - der vor einigen Wochen verstorben ist - und ich haben von 1971 bis 1980 Freizeitarbeit in den damaligen
Orthopädischen Anstalten Volmarstein, heute Evangelische Stiftung, geleistet. Dazu gehörten Lichtbildervorträge aus allen Bereichen. So luden wir gelegentlich auch einen Alpenverein aus der Umgebung zu solchem
Lichtbildervortrag ein. Einen Tag vor dem Termin rief der Bergwanderer bei uns an: Seine Frau kann nun doch nicht mitkommen, sie ist schwanger und ihre Mutter oder Schwiegermutter habe ihr gesagt, sie könne sich
vergucken, und dann würde das Kind im Mutterleib auch behindert.
Listen wir einmal auf, wer sich in unseren Fällen der Unterbringung in einem
Schulheim schämen müsste. Da sind Eltern, die gar keinen Grund haben sich zu schämen. Sie haben sich liebevoll um ihr Kind gekümmert, haben es so oft wie möglich besucht und abgeholt und keinen Urlaub ohne es
verbracht. Andere Eltern haben ihr Kind in den Volmarsteiner Anstalten entsorgt. Sie haben es vor der Tür abgeliefert, ihm fest versprochen, es ganz oft zu besuchen. In den Folgejahren stand das Kind weinend am
Fenster und suchte die Mama unter den anderen Eltern, und die Mama war nicht zu sehen. Da sind die Landschaftsverbände, die sich für ihr völliges Versagen in der Aufsichtspflicht schämen müssten. Auch die
Stadtverwaltung Wetter, die nach wie vor ein Jugendamt und ein Fürsorgeamt abstreitet, obwohl Dokumente eben an diese Behörden gerichtet waren. Schämen muss sich auch der Ennepe-Ruhr-Kreis, der ähnlich den drei
Affen handelt: „Ich weiß nichts, ich sah nichts, also sag ich auch nichts.“ Und zuletzt gebührt eine erhebliche Portion Scham der Evangelischen Kirche, unter derem Dach dieses Kinderheim geführt wurde. Wo
anders, als in einem solchen Heim, muss die Liebe Jesu Christi, welche die Kirche immer wieder gern im Munde führt, praktiziert werden?
Wenn wir also mit einer 50jährigen Distanz diese Zeit betrachten, denke ich,
dass wir uns für diese Zeit nicht mehr schämen müssen, dass es andere allerdings nötig haben. Wobei festzustellen ist, dass es der Täter- und Wisser-Seite schwer fällt, auch nur Anzeichen von Schamregungen zu
zeigen. Eins hat unsere Scham natürlich bewirkt; sie hat verhindert, dass wir noch im Rahmen der Verjährungsfrist Strafanträge gegen unsere Peiniger gestellt haben. Damit sind die Rechtsnachfolger der
Verantwortlichen aus dem Schneider. Sie können gelassen abwarten, bis sich der Skandal biologisch erledigt.
Allerdings meine ich: So einfach sollten wir es ihnen doch nicht machen. Wir
sollten die restliche Zeit unseres Lebens dazu gebrauchen, über diese Zeit zu berichten. Weiterhin alles zusammenzutragen, was uns in den 50er und 60er Jahren passiert ist. Andere, die bisher ihrem Ehepartner
gegenüber schweigen, sollten nun doch zum Stift oder zur Tastatur greifen, aufschreiben, was sie erlebt haben, damit noch zu ihren Lebzeiten die Rechtsnachfolger mit diesen Erlebnissen konfrontiert werden. Nicht
zuletzt tut das Niederschreiben auch gut. Der Begriff „sich von der Seele Schreiben“ ist mit Befreiung besetzt. Es geht einem besser, wenn man das getan hat. Eine Ehemalige erzählt immer wieder: Erst als sie
ihre Erlebnisse zu Papier gebracht hatte, ging es ihr besser, fühlte sie sich entspannter.
Mit diesem Ostergruß möchte ich Sie ermuntern, so Sie es noch nicht getan
haben: Schreiben Sie sich Ihre Zeit von der Seele. Sie brauchen uns Ihre Erinnerungen nicht zu senden, wenn Sie sich nicht trauen. Sie können Ihre Aufzeichnungen wie ein Tagebuch in Ihrer geheimen Schublade
aufbewahren. Wenn Sie allerdings andere an Ihrem Leben teilhaben lassen wollen, und wenn Sie die staatlichen und kirchlichen Behörden, die in unserer Zeit so versagt haben, mit Ihren Schilderungen konfrontieren
wollen, schicken Sie diese uns auch zu. Eins ist für uns wichtig: Wir können nicht erwarten, dass andere die Scherben unserer Kindheit zusammenkleben; wir müssen es selbst tun.
Ihnen, Ihren Lieben und allen, die Ihnen nahestehen, ein schönes Osterfest!
Freie Arbeitsgruppe JHH 2006
Helmut Jacob
(Gruppensprecher)
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